Weiter Erkennens-Spielraum
Mittwoch, 20. Mai 2009, 12:20 • Rubrik Psychologie, Soziales.
Wer sich Gesichter schlecht merken kann, liegt vielleicht nur an einem Ende eines breiten Spektrums. Für diese Ansicht sprechen die erstaunlichen Fähigkeiten von vier Personen, die amerikanische und englische Psychologen untersucht haben. Diese können selbst nach Jahren fremde Menschen wiedererkennen, die ihnen lediglich einen Kaffee serviert oder im gleichen Geschäft eingekauft haben.
Angesichts solcher “Super-Erkenner” sollten die Ansichten zur Gesichtserkennung überdacht werden, glaubt Richard Russell von der Harvard University. “Üblicherweise geht man davon aus, dass die Fähigkeit zur Gesichtserkennung entweder normal entwickelt oder aber gestört ist”, so der Forscher. Vielleicht müsse man stattdessen von einer großen natürlichen Variabilität ausgehen – von eher mäßigen bis hin zu herausragenden Fähigkeiten.
Russell und Kollegen führten ihre Studie mit vier Personen durch, die von sich selbst behaupteten, andere Menschen überdurchschnittlich gut wiedererkennen zu können. Tatsächlich erzielten alle vier bei entsprechenden Tests Resultate, die weit oberhalb des Normbereichs liegen, berichten die Forscher im Fachblatt “Psychonomic Bulletin & Review”. Die Probanden hätten sogar berichtet, sich mitunter “dumm” zu stellen, um im Umgang mit Fremden nicht unangenehm aufzufallen.
Bemerkenswerterweise waren die vier Personen besonders anfällig für den Gesichts-Inversionseffekt: Wurden ihnen auf dem Kopf stehende Gesichter gezeigt, brachen ihre Resultate stärker ein als bei Menschen mit durchschnittlichen Fähigkeiten. Diese sind für den Effekt wiederum anfälliger als Menschen mit einem schlechten Gesichtsgedächtnis. Nach Ansicht Russells und seiner Kollegen könnte dieser Trend helfen, die Gehirnprozesse beim Wiederkennen von Gesichtern zu entschlüsseln.
Forschung: Richard Russell und Ken Nakayama, Department of Psychology, Harvard University, Cambridge, Massachusetts, und Bradley C. Duchaine, Institute of Cognitive Neuroscience, University College London
Veröffentlichung Psychnomic Bulletin & Review, Vol. 16, pp 252-7, DOI 10.3758/PBR.16.2.252
WWW:
Faceblind.org, Harvard University und University College London
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