Posted in: Mathematik, Psychologie 7. Mai 2009 20:00 Weiter lesen →

Inneres Auge für Zahlen

Die geistige Leistungsfähigkeit des Menschen beruht zum Teil auf der „Zweckentfremdung“ evolutionär älterer Gehirnschaltkreise. Diese Ansicht stützen Versuchsresultate, die französische Neurowissenschaftler im Magazin „Science“ vorstellen. Beim Addieren bzw. Subtrahieren wird demnach eine Hirnregion auf ganz ähnliche Weise aktiv wie beim Wenden des Blicks nach rechts bzw. links.

Dank dieser Ähnlichkeit kann ein statistisches Modell, das anhand der Gehirnaktivität die Blickrichtung erkennt, auch die beiden Rechenarten mit einiger Zuverlässigkeit unterscheiden, berichten die Forscher um André Knops und Stanislas Dehaenes vom staatlichen medizinischen Institut INSERM. Vielleicht stelle das Kompensieren einer Blickfeld-Verschiebung ganz ähnliche Anforderungen an das Gehirn wie das Bewegen auf einem mentalen Zahlenstrahl.

Knops, Dehaenes und Kollegen analysierten die Daten von 15 jungen Erwachsenen. Diese hielten den Blick auf einen festen Punkt gerichtet und wandten ihn dann zur Seite, während ihre Gehirnaktivität per funktioneller Kernspintomographie kartiert wurde. Es zeigte sich, dass allein die Aktivitätsveränderung am hinteren Rand der Scheitellappen genügte, um die Blickrichtung mit einer Trefferquote von 70 Prozent zu bestimmen.

Versuchsweise wandten die Forscher dieses statistische Modell auf einen zweiten Satz von Messreihen an, während derer die Teilnehmer im Kopf Zahlen addiert oder subtrahiert hatten. Erstaunlicherweise erzielten sie eine Trefferquote, die mit 55 Prozent zwar nur knapp, aber statistisch eindeutig über dem Niveau von Zufallstreffern lag. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Rechenaufgaben in Form von Ziffern oder Punktmengen dargestellt worden waren. Auch hätten die Teilnehmer ihre Augen beim Kopfrechnen nicht bewegt, betonen die Wissenschaftler.

Die Beobachtungen ständen im Einklang mit der Vermutung, dass sich das Gehirn bei der Bewältigung abstrakter Aufgaben ältere Schaltkreise mit der passenden Struktur zunutze mache, so Knops, Dehaenes und Kollegen. Allerdings erlaubten die Messdaten keine Aussage darüber, ob die Region im Scheitellappen am eigentlichen Rechenvorgang beteiligt sei oder erst dann aktiviert werde, wenn das Ergebnis feststehe.

Forschung: André Knops und Stanislas Dehaene, INSERM-Unité de Neuroimagerie Cognitive und CEA-Institut d’Imagerie Biomédicale, Gif-sur-Yvette, und

Veröffentlichung Science Express, 7. Mai 2009, DOI 10.1126/science.1171599

WWW:
INSERM-CEA Cognitive Neuroimaging Unit
Der Zahlenstrahl
What Are Numers, Really? A Cerebral Basis For Number Sense

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Logarithmisches Zahlengespür
Mentaler Zahlenstrahl bei Kindern


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