Posted in: Psychologie 29. April 2009 18:00 Weiter lesen →

Ein Wörterbuch im Kopf?

Foto zeigt gleißend helle Neonröhren, die das Wort Neon bilden, auf einer dunklen Wand Die Allgegenwart von Schrift bewirkt möglicherweise eine erstaunliche Spezialisierung im Gehirn, lassen Versuche amerikanischer Forscher vermuten. Demnach könnte es in der Großhirnrinde Nervenzellen geben, die jeweils auf den Anblick eines einzigen Wortes ansprechen und so helfen, Geschriebenes rasch zu erfassen.

Foto: Lestat (Jan Mehlich) via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution ShareAlike 2.5)

Diese hochspezialisierten Nervenzellen seien das Produkt jahrelanger Erfahrung mit Schrift, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens erwerbe, erklärt Maximilian Riesenhuber von der Georgetown University in Washington. „Es ist nicht die Evolution, die einen jeden von uns mit einem kleinen Wörterbuch im Kopf ausgestattet hat.“

Riesenhuber und andere Neurowissenschaftler vermuten das neuronale Wörterbuch am unteren Rand des linken Schläfenlappens – am Ende einer Route, auf der Information aus der Sehrinde auf immer komplexere Merkmale hin analysiert wird, von horizontalen oder vertikalen Strichen über die Form einzelner Buchstaben bis zur Gestalt ganzer Wörter. Die Existenz einer solchen „Visual Word Form Area“ war bereits vor einigen Jahren postuliert worden, ist allerdings nicht unumstritten.

Im Fachblatt „Neuron“ stellen Riesenhuber und zwei Kollegen nun Experimente vor, die ihrer Ansicht nach Klarheit schaffen können. Die Forscher kartierten die Gehirnaktivität von 41 jungen Erwachsenen, während diese ein Wort sahen und kurz darauf ein zweites, das entweder identisch mit dem ersten war oder sich in einem oder aber in allen Buchstaben davon unterschied. Tatsächlich reagierte die fragliche Gehirnregion bei minimal und bei vollkommen unterschiedlichen Wörtern stets ähnlich stark.

Das galt allerdings nur, wenn es sich um reale, tagtäglich gesehene Wörter handelte. Im Falle künstlicher Pseudowörter zeigte sich dagegen eine schrittweise ansteigende Aktivität von identischen über leicht zu völlig unterschiedlichen Wörtern. Gäbe es in der „Visual Word Form Area“ keine Spezialisierung auf ganze Wörter, hätte man auch bei den echten Wörtern einen solchen graduellen Anstieg gemessen, argumentieren die Forscher.

Nach Ansicht Riesenhubers und seiner Kollegen liefern ihre Resultate Belege für die Existenz wortspezifischer Nervenzellen im Schläfenlappen – und damit vielleicht auch neue Ansätze zur Behandlung von Lese- und Schreibstörungen. „Frühere Studien haben gezeigt, dass diese Gehirnregion bei Störungen wie der Dyslexie betroffen ist“, so der Forscher. Bei der Aufklärung der zugrunde liegenden Mechanismen könne es möglicherweise helfen, die neuronale Selektivität in der Region genauer zu untersuchen. Unterbleibe etwa die Einstimmung der Nervenzellen auf einzelne Wörter, „sollte man erwarten, dass das Lesen ein langsamer, mühsamer Prozess ist, ähnlich wie das Lesen von Kunstwörtern“.

Forschung: Laurie S. Glezer, Xiong Jiang und Maximilian Riesenhuber, Department of Neuroscience, Georgetown University Medical Center, Washington, D.C.

Veröffentlichung Neuron, Vol. 62, 30. April 2009, pp 199-204, DOI 10.1016/j.neuron.2009.03.017

WWW:
Riesenhuber Lab, Georgetown University
The Various Visual Cortexes

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Was Buchstaben ausmacht
Doppelt-Sehen beim Lesen


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  1. Ein Wörterbuch im Kopf? @ C-MD Aachen | 29. April 2009 19:27