Posted in: Medizin 2. April 2009 20:57 Weiter lesen →

Herz hilft sich selbst

Zeichnung des Herzens im geöffneten Brustkorb Auch im Herzmuskel werden zeitlebens neue Zellen gebildet, allerdings langsam. Entsprechende Resultate präsentieren schwedische Forscher im Magazin „Science“. Anhand der Spuren oberirdischer Kernwaffentests in der Mitte des letzten Jahrhunderts schätzen sie, dass jährlich bis zu 1 Prozent der alten Herzmuskelzellen durch neue ersetzt wird.

Grafik: Patrick J. Lynch, medical illustrator; C. Carl Jaffe, MD, cardiologist, via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution 2.5)

Aufgrund dieser geringen Rate werde im Laufe eines Lebens kaum die Hälfte der bei der Geburt vorhandenen Herzmuskelzellen ausgetauscht, schreiben die Forscher um Jonas Frisén vom Karolinska Institutet in Stockholm. Die Tatsache, dass überhaupt eine Regeneration stattfinde, eröffne allerdings die Möglichkeit, diesen Prozess medikamentös zu fördern und infarktgeschwächten Herzen so zu neuer Leistungsfähigkeit zu verhelfen.

Neben dem Gehirn galt das Herz lange Zeit als Organ, das über keinerlei Fähigkeiten zur Regeneration verfügt. Laborexperimente mit Mäusen und anderen Wirbeltieren hatten zwar Hinweise auf eine gewisse Selbstheilungskraft geliefert, entsprechende Versuche an Menschen waren jedoch nicht möglich. Frisén und Kollegen verfielen daher auf die Idee, eine Art globales Experiment zur Klärung der Frage zu nutzen: die bis ins Jahr 1963 durchgeführten, oberirdischen Kernwaffentests.

Bei diesen Versuchen waren große Mengen Kohlenstoff-14 produziert worden, die sich gleichmäßig in der Atmosphäre verteilt hatten. Indem das Kohlenstoffisotop von Bio- und Geosphäre aufgenommen wird, sinkt sein Mengenanteil in der Umwelt seit 1963 wieder.

Die Forscher untersuchten Herzgewebe von Personen, die zwischen 1933 und 1987 geboren worden waren. Tatsächlich enthielt die DNA in den Herzmuskelzellen weniger Kohlenstoff-14, als es den Verhältnissen im Geburtsjahr entsprechen würde. Das galt zumindest für jene Personen, die nach dem „Bombenpuls“ geboren worden waren. Bei den älteren Personen fand sich dagegen mehr Kohlenstoff-14 als anhand des Geburtsjahres zu erwarten. Die Schlussfolgerung ist in beiden Fällen die gleiche: ein Teil der DNA muss in späteren Lebensjahren gebildet worden sein. Anhand ihrer Resultate schätzen Frisén und Kollegen, dass bis zum 25. Lebensjahr jährlich 1 Prozent der Herzmuskelzellen ersetzt wird und dass die Umsatzrate bis zum 75. Lebensjahr auf 0,45 Prozent sinkt.

Forschung: Olaf Bergmann, Ratan D. Bhardwaj und Jonas Frisén, Institutionen för cell- och molekulärbiologi, Karolinska Institutet, Stockholm; und andere

Veröffentlichung Science, Vol. 324, 3. April 2009, pp 98-101, DOI 10.1126/science.1164680

WWW:
Frisén Lab, Karolinska Institutet
Herzmuskel
C-14 Background

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Geburtsjahr am Auge ablesbar
Kernwaffen-Zeitstempel im Zahnschmelz


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