Posted in: Anthropologie, Kultur 19. März 2009 20:09 Weiter lesen →

Musik als universelle Sprache

Foto zeigt zwei dunkelhäutige Frauen mit bunten Kleidern und Kopftüchern, daneben ein hellhäutiger Mann im weißen Hemd Musik hat tatsächlich Merkmale einer universellen Sprache, zeigen Experimente Leipziger Forscher in Kamerun. Einwohner eines abgeschiedenen Dorfes konnten die Stimmung westlicher Musik relativ gut einschätzen, obwohl sie niemals zuvor mit dieser Art Musik konfrontiert worden waren.

Empfinden Musik ähnlich: Thomas Fritz und zwei Versuchsteilnehmerinnen. Foto: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

In dieser Hinsicht ähnele Musik menschlichen Gesichtsausdrücken, deren Bedeutung ebenfalls in den verschiedensten Teilen der Welt verstanden werde, folgern Thomas Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und seine Kollegen. Möglicherweise habe diese Fähigkeit die weltweite Verbreitung westlicher Musik begünstigt, schreiben die Forscher im Fachblatt „Current Biology“.

Frühere Studien hatten bereits vermuten lassen, dass westliche Musik von Angehörigen anderer Kulturkreise und sogar von Säuglingen „verstanden“ wird. Fritz testete diese Annahme mit Hilfe der Mafa, einem Volk in den Mandarabergen Kameruns, und eines Laptop-Computers mit solarbetriebenem Ladegerät. Vor die Wahl zwischen „glücklich“, „traurig“ und „ängstlich“ gestellt, ordneten die Mafa einer Reihe von Klavierstücken in mindestens 50 Prozent der Fälle die richtige Stimmung zu, erzielten also mehr als Zufallstreffer.

Westliche Versuchspersonen schnitten mit Trefferquoten von mindestens 80 Prozent zwar deutlich besser ab. Beide Gruppen schienen sich jedoch von den gleichen musikalischen Merkmalen, Tempo und Tongeschlecht, leiten zu lassen, ermittelten Fritz und seine Kollegen. Im Einklang mit dieser Vermutung fanden sie, dass die Angehörigen beider Gruppen dissonante, sich aneinander reibende Töne als relativ unangenehm empfinden.

Forschung: Thomas Fritz und Stefan Koelsch, Abteilung Neurophysik, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig, und Department of Pschychology, University of Sussex, Falmer; Sebastian Jentschke, Institute of Child Health, University College London; und andere

Veröffentlichung Current Biology, DOI 10.1016/j.cub.2009.02.058

WWW:
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften
Northern Montagnards, Mandara Mountains
Music & Emotion Profiler

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Säuglinge verstehen Beethoven
Logarithmisches Zahlengespür

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5 Kommentare zu "Musik als universelle Sprache"

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  1. mugger sagt:

    Hmm….

    man müsste denen mal ein Lied der Gruppe „My Dying Bridge“ vorspielen.

    Gespannt wie flitzebogen :D

  2. Bernie Wagner sagt:

    Deckt sich stark mit Erfahrungen von mir selbst mit Menschen aus sehr verschiedenen Kulturen.

    Allerdings wird gerade bei Menschen, die in stark industrialisierten Kulturen aufwachsen, mit zunehmendem Alter (heute sogar schon ab Kindergartenalter) das quasi natürliche Musikempfinden extrem stark durch heute als modisch geltende Musikrichtungen verformt,

    aber sogar da ist z.B. ein Klanggemisch, das eher einer „moll“ als einer „dur“ Tonart ähnelt, eher traurig, als freudig – und umgekehrt, und langsameres Tempo eher besinnlich (d.h. aber nicht unbedingt traurig, sondern evtl. auch einfach zufrieden), schnelleres eher entweder zornig oder fröhlich, bzw. ‚ausgelassen‘ …

    • Das größte Problem bei der Beantwortung der Frage, wie Musik Emotionen erzeugt, dürfte die Tatsache sein, dass sich Zuordnungen von musikalischen Elementen und Emotionen nie ganz eindeutig festlegen lassen. Die Lösung dieses Problems ist die Strebetendenz-Theorie. Sie sagt, dass Musik überhaupt keine Emotionen vermitteln kann, sondern nur Willensvorgänge, mit denen sich der Musikhörer identifiziert. Beim Vorgang der Identifikation werden die Willensvorgänge dann mit Emotionen gefärbt. Das gleiche passiert auch, wenn wir einen spannenden Film anschauen und uns mit den Willensvorgängen unserer Lieblingsfigur identifizieren. Auch hier erzeugt erst der Vorgang der Identifikation Emotionen.

      Weil dieser Umweg der Emotionen über Willensvorgänge nicht erkannt wurde, scheiterten auch alle musikpsychologischen und neurologischen Versuche, die Frage nach der Ursache der Emotionen in der Musik, zu beantworten. Man könnte dabei an einen Menschen denken , der einen Fernsehapparat aufschraubt und darin mit einer Lupe nach den Emotionen sucht, die er zuvor beim Ansehen eines Films empfunden hatte.

      Doch wie kann Musik Willensvorgänge vermitteln? Diese Willensvorgänge haben etwas mit dem zu tun, was alte Musiktheoretiker mit „Vorhalt“, „Leitton“ oder „Strebetendenz“ bezeichnet haben. Wenn wir diese musikalischen Erscheinungen gedanklich in ihr Gegenteil umkehren (der Ton strebt fort – ich will, dass der Ton bleibt), dann haben wir in etwa den Willensinhalt gefunden, mit dem sich der Musikhörer identifiziert. In der Praxis wird dann alles noch etwas komplizierter, so dass sich auch differenziertere Willensvorgänge musikalisch darstellen lassen.
      Weitere Informationen erhalten Sie über den kostenlosen Download der E-Books der Universität München „Musik und Emotionen – Studien zur Strebetendenz-Theorie“.

      Bernd Willimek

  3. Da ich mehrfach gebeten wurde, das Prinzip der Strebetendenz-Theorie auf eine Weise darzustellen, so dass sie auch ein Laie mühelos nachvollziehen kann, füge ich dem obenstehenden Artikel eine solche Erklärung bei. Sie ist unter folgendem Link kostenlos abrufbar:
    http://www.willimekmusic.de/erklaerung-strebetendenz-theorie.pdf
    Bernd Willimek