Posted in: Medizin, Psychologie 15. Februar 2009 23:00 Weiter lesen →

Böse Erinnerungen löschen

Foto zeigt junge Frau, Kabel an Hand und Wange, vor einem Computerbildschirm, auf dem eine Spinne zu sehen ist Manche Menschen brechen in Schweiß aus, wenn sie nur an Spinnen denken, während andere von Erinnerungen an Gewalt geplagt werden. Ein Experiment niederländischer Psychologinnen bestätigt nun die Vermutung, dass solche Angstreaktionen nicht unangreifbar sind. Sahen die Versuchsteilnehmer einen furchtauslösenden Reiz, während ihr Gehirn unempfänglich für Stresshormone war, löste sich die zuvor erlernte Angstreaktion in Wohlgefallen auf.

Foto: Merel Kindt

Das Wissen um den Grund für die Angst – einen Stromschlag beim Anblick einer Spinne – wurde durch die Behandlung jedoch nicht beeinflusst, fanden Merel Kindt von der Universiteit van Amsterdam und ihre Kolleginnen. Umso hilfreicher könnten die neuen Erkenntnisse für die Behandlung von Phobien und posttraumatischer Belastungsstörung sein, schreibt die Gruppe im Fachblatt „Nature Neuroscience“.

Das Gedächtnis ist nicht in Stein gemeißelt, vielmehr werden seine Inhalte nach dem Abrufen stets aufs Neue gespeichert. In den letzten Jahren wurde entdeckt, dass diese Rekonsolidierung die Neubildung von Protein erfordert – und damit pharmakologisch manipulierbar ist. Zu diesem Zweck griffen Kindt und Kolleginnen auf den Betablocker Propranolol zurück. Der Wirkstoff blockiert Adrenalinrezeptoren, wie sie unter anderem auf Nervenzellen im Mandelkern, dem „Angstzentrum“ des Gehirns vorkommen. Auf diese Weise verhindert er die hormonelle Aktivierung der Zellen.

Die Forscherinnen führten ihren Versuch mit 60 mutigen Studierenden durch. Diese lernten am ersten Versuchstag, dass auf den Anblick eines Spinnenfotos ein unangenehmer Stromschlag folgte. In der Folge versetzte sie schon der Anblick einer Spinne in Furcht – erkennbar an einem heftigeren Zwinkern beim Ertönen eines lauten Geräuschs. Am zweiten Versuchstag sahen die Studierenden ein einziges Mal ein Spinnenbild, allerdings ohne folgenden Stromschlag. Einige hatten zuvor 40 Milligramm Propranolol genommen. Bei ihnen bewirkte der Anblick einer Spinne am nächsten Tag keine erhöhte Schreckhaftigkeit mehr.

Auch hartnäckige Versuche, die Verbindung zwischen Spinne und Furcht zu reaktiveren, schlugen bei diesen Teilnehmern fehl. Offenbar konnte die ein Mal abgerufene Angsterinnerung nach dem Schlucken des Betablockers nicht erneut abgespeichert werden, folgern Kindt und Kolleginnen. Angesichts dieser Resultate könnte der pharmakologische Ansatz willkommene Hilfe bei der Behandlung von Angststörungen leisten, hoffen die Forscherinnen. Die derzeitigen Therapien hätten nämlich mit einer hohen Rückfallquote zu kämpfen.

Forschung: Merel Kindt, Marieke Soeter und Bram Vervliet, Groep Klinische Psychologie, Afdeling Psychologie, Universiteit van Amsterdam

Online-Veröffentlichung Nature Neuroscience, DOI 10.1038/nn.2271

WWW:
Clinical Psychology, University of Amsterdam
Angst
Angststörungen
Memory
Hacking Memory to Break Drug Addiction

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