Was Buchstaben ausmacht

27. November 2008 01:00 Drucken

Auszug aus den Reden gegen Catilina in zwei Schriftarten mit unterschiedlich enger Linienführung Wer täglich nur eine Stunde liest, entziffert im Laufe seines Lebens mehr als eine Milliarde Buchstaben. Welche Schriftmerkmale dem Gehirn diese erstaunliche Leistung ermöglichen, haben kanadische Psychologen mit Hilfe extrem ausdauernder Studenten untersucht. Vor allem die Enden seiner Linien sind es demnach, die einen Buchstaben des Alphabets gegenüber den anderen auszeichnen.

Bild: via Wikimedia.org

Bei einem Vergleich der Buchstaben “E” und “F” oder “C” und “G” scheine die Bedeutung der Linienenden zwar offensichtlich. Mit Blick auf die Informationseffizienz sei dieser Schluss jedoch nicht nachvollziehbar, schreiben die Forscher um Daniel Fiset von der University of Victoria im Fachblatt “Psychological Science”. Offenbar machten sich hier die Eigenheiten des menschlichen Sehsystems bemerkbar.

Frühere Studien hatten gezeigt, dass Menschen selbst kurze Wörter nicht als Ganzes erkennen, sondern sie aus den Buchstaben zusammensetzen. Welche Merkmale wiederum Buchstaben auszeichnen, untersuchten Fiset und Kollegen mit Hilfe von sechs Studierenden. Diese sollten Buchstaben erkennen, von denen lediglich zufällig ausgewählte Teile auf einem Bildschirm dargestellt wurden. Von jedem einzelnen der 52 Klein- und Großbuchstaben des lateinischen Alphabets musterte jeder Proband 1.000 jeweils neu berechnete Varianten.

Anhand der Erkennungsraten berechneten die Forscher, welche Teile der Buchstaben für eine Erkennung nötig sind. Das verblüffende Resultat: Texte wären prinzipiell auch dann noch lesbar, wenn zwei Drittel oder sogar drei Viertel von jedem Buchstaben weggelassen würden. In den jeweils unentbehrlichen Anteilen waren Linienenden mit Abstand am häufigsten zu finden, gefolgt von horizontalen Linien. Wurde das Experiment mit einem auf Effizienz getrimmten Bilderkennungsprogramm wiederholt, erwiesen sich dagegen vertikale Linien und nach oben geöffnete Bögen als wichtigste Merkmale.

Zwar seien viele Hypothesen zu den kritischen Elementen der Buchstaben aufgestellt worden, so Fiset und Kollegen. Ihr Experiment liefere jedoch erstmals handfeste experimentelle Daten. Auf Basis der Resultate könnte eine Schriftart entwickelt werden, in der die Linienenden und anderen wichtigen Elemente besonders markant sind, schlagen die Forscher vor. Eine solche Schriftart “könnte normalen Lesern und solchen mit Leseschwäche vielleicht eine schnellere Erkennung von Buchstaben und damit von Wörtern erlauben”.

Forschung: Daniel Fiset, Department of Psychology, University of Victoria, Victoria, British Columbia; Frédéric Gosselin, Centre de Neuropsychologie et Cognition, Département de Psychologie, Université de Montréal, Montréal, Québec; und andere

Veröffentlichung Psychological Science, November 2008

WWW:
Department of Psychology, University of Victoria
CERNEC, Université de Montréal
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