Rollender Riesen-Einzeller
Donnerstag, 20. November 2008, 18:18 • Rubrik Biologie, Paläontologie.
Einen erstaunlichen Einzeller haben amerikanische und australische Forscher vor den Bahamas entdeckt. Der einzellige Tiefseebewohner bringt es auf eine stattliche Größe von 3 Zentimetern. Zudem scheint er sich rollend über den Meeresboden zu bewegen und dabei furchenartige Spuren zu hinterlassen, wie sie auch in versteinertem Meeresgrund gefunden worden sind.
Gromia und ihre Verwandtschaft könnten Relikte einer Einzellerfauna sein, die im Zuge der “Kambrischen Explosion” vor etwa 542 Millionen Jahren von vielzelligen Tieren abgelöst wurde. Foto: Dr. Mikhail Matz, University of Texas at Austin
Einige dieser fossilen Spuren seien mehr als 600 Millionen Jahre alt und den ersten vielzelligen Tieren mit einer klaren linken und rechten Körperseite zugeschrieben worden, erklärt Mikhail Matz von der University of Texas in Austin. “Wir können nun zeigen, dass Spuren von vergleichbarer Komplexität und mit einem sehr ähnlichen Profil auch von Protisten stammen können.”
Matz und Kollegen erspähten gleich mehrere Exemplare des riesenhaften Einzellers, als sie in Tauchbooten den Meeresboden vor der Insel Little San Salvador erkundeten. In Form und Größe an Weinbeeren erinnernd und einen Überzug aus Sediment tragend, schienen die Organismen regungslos am Grund in 750 Metern Tiefe zu verharren. Viele markierten allerdings das Ende einer langen Furche, die geradlinig oder in Schlangenlinien durch das Sediment verlief und mitunter auch sanfte Hänge querte.
Eine genetische Analyse ergab, dass die Einzeller der Art Gromia sphaerica angehören. Diese Spezies war bislang nur aus dem Arabischen Meer bekannt und galt als unbeweglich. Aufgrund ihrer Beobachtungen vermuten Matz und Kollegen nun, dass sich die Einzeller sehr wohl vom Fleck rühren. Möglicherweise wälzen sie sich mit Hilfe feiner Fortsätze langsam über den Meeresgrund, um das Sediment abzuweiden.
Direkte Belege für diese Vermutung stehen noch aus, räumen die Forscher im Fachblatt “Current Biology” ein. Sollte sich die Hypothese jedoch als richtig erweisen, müsste die bisherige Interpretation der fossilen Spuren überdacht werden, ist Matz überzeugt. Vielleicht seien die modernen vielzelligen Tierstämme ja doch in einer regelrechten “Explosion des Lebens” vor 542 Millionen aufgetaucht. Er halte es jedenfalls für vorstellbar, dass bis zu dieser Zeit Einzeller von teils komplexer, gekammerter Gestalt das Feld beherrscht hätten. In diesem Falle könnte Gromia das Relikt einer längst vergangenen Fauna sein.
Forschung: Mikhail V. Matz, Section of Integrative Biology, University of Texas, Austin; Sönke Johnsen, Biology Department, Duke University, Durham, North Carolina; und andere
Veröffentlichung Current Biology, DOI 10.1016/j.cub.2008.10.028
WWW:
Matz Lab, University of Texas at Austin
Gromia oviformis
Introduction to the Proterozoic Era
Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Kambrium: Ein neuer Anfang
Links und Rechts: Frühlingstierchen aus Guizhou
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