Kein Ohr für Stimmen

27. Oktober 2008 14:41 Drucken

Eine Frau hält sich einen Telefonhörer ans Ohr Andere an ihrer Stimme zu erkennen, erweist sich spätestens beim Telefonieren als nützlich. Englische und deutsche Forscher beschreiben nun erstmals den Fall eines Menschen, der ohne diese Fähigkeit geboren wurde. Ihre Patientin ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich allerdings mit Tricks wie terminierten Anrufen oder verschiedenen Vornamen für Privates und Berufliches behelfen muss.

Foto: Gernot Krautberger /Fotolia

Die 60-Jährige tut sich sogar schwer, die Stimme der eigenen Tochter zu erkennen, berichten die Forscher um Lúcia Garrido und Brad Duchaine vom University College London im Fachblatt “Neuropsychologia”. Geht es aber darum, die Laune einer Person allein anhand der Stimme einzuschätzen, ist sie verblüffenderweise ebenso treffsicher wie andere Menschen. Beliebte Lieder erkennt sie wie auch einzelne Instrumente, Sänger wiederum nicht.

Der als Phonagnosie bezeichnete Zustand sei bereits als Folge von Schlaganfällen oder Hirnverletzungen beobachtet worden, erläutert Duchaine. Die Frau mit dem Kürzel “KH” stelle jedoch den ersten bekannten Fall einer Phonagnosie infolge einer Entwicklungsstörung dar. “Wir gehen davon aus, dass es weitere Menschen mit ähnlichen Problemen gibt”, so der Forscher. “Und die würden wir gerne kennenlernen.”

“KH” habe stets gewusst, dass ihr eine Fähigkeit fehle, die für andere selbstverständlich sei, so Duchaine weiter. Erst beim Lesen eines Artikels über Menschen, die kein Auge für Gesichter haben, sei ihr der Verdacht gekommen, sie könne das stimmliche Pendant dieser Prosopagnosie aufweisen. Die daraufhin kontaktierten Neurowissenschaftler führten eine Reihe von Untersuchungen durch, die diesen Verdacht bestätigten, jedoch kein Hördefizit und auch keine Gehirnveränderungen offenbarten.

Forschung: Lúcia Garrido und Brad Duchaine, Institute of Cognitive Neuroscience und Department of Psychology, University College London; Stefan R. Schweinberger, Institut für Psychologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena; und andere

Veröffentlichung Neuropsychologia, DOI 10.1016/j.neuropsychologia.2008.08.003

WWW:
Social Perception Group, University College London
Arbeitsgruppe Stefan Schweinberger, Uni Jena
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