HIV mit alten Wurzeln
Mittwoch, 1. Oktober 2008, 20:56 • Rubrik Genetik, Medizin.
Das Immunschwächevirus HIV zirkuliert vielleicht schon seit 100 Jahren in der menschlichen Bevölkerung. Zu diesem Schluss kommt eine internationale Forschergruppe nach der Untersuchung einer Gewebeprobe, die im Jahr 1960 im heutigen Kinshasa genommen worden war. Das darin enthaltene Viruserbgut unterscheidet sich stark von dem in einer ähnlich alten Probe. Demnach scheint der Erreger vor Ende der 60er-Jahre schon reichlich Gelegenheit zur Mutation gehabt zu haben.
Léopoldville, das spätere Kinshasa, im Jahre 1896. Foto: Wikimedia.org
Zusätzlich zu den beiden alten Isolaten bezogen die Forscher um Michael Worobey von der University of Arizona auch mehrere jüngere Isolate in ihre Analyse mit ein. Ihren statistischen Berechnungen zufolge, dürfte der letzte gemeinsame Vorfahr dieser Isolate am ehesten um das Jahr 1910, spätestens jedoch zu Beginn der 30er-Jahre vom Schimpansen auf den Menschen übergegangen sein.
Ab diesem Zeitpunkt habe sich das Virus in der menschlichen Bevölkerung halten können, während vorherige Sprünge über die Artengrenze nicht weiter um sich gegriffen hätten, so Worobey und Kollegen im Magazin “Nature”. Den Ausschlag könnte ihrer Ansicht nach die Gründung kolonialer Handelsposten gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegeben haben, die sich rasch zu einwohnerstarken Städten entwickelten.
Die Forscher führten molekulare Analysen an 27 von 861 Gewebeproben durch, die in den Jahren 1958-62 im damaligen Léopoldville entnommen worden waren und seitdem in den Archiven der dortigen Universität gelagert hatten. In einer dieser Proben, einem chemisch fixierten und in Paraffin eingeschlossenen Lymphknoten, konnten sie mehrere Fragmente von HIV-1-RNA nachweisen und sequenzieren. Das Erbgut gehört in der Untergruppe M zum Subtyp A. Es unterscheidet sich in fast 12 Prozent seiner Sequenz von Erbgut, das in einer 1959 eingefrorenen Blutprobe entdeckt worden war und zum Subtyp D gerechnet wird.
Die Interpretation der neuen Daten erscheine schlüssig, schreiben Paul Sharp von der University of Edinburgh und Beatrice Hahn von der University of Alabama at Birmingham in einem begleitenden Artikel. Da AIDS eine breite Palette von Symptomen hervorrufe und die absoluten Erkrankungszahlen zu Beginn einer Epidemie nur langsam stiegen, sei es nachvollziehbar, dass die neue Krankheit viele Jahrzehnte lang nicht als solche erkannt worden sei. Umso bemerkenswerter sei es, dass sich tatsächlich eine Gewebeprobe mit HIV-Erbgut gefunden habe.
Forschung: Michael Worobey und M. Thomas P. Gilbert, Ecology and Evolutionary Biology, University of Arizona, Tucson; Dirk E. Teuwen, Sanofi Pasteur, Lyon, und UCB SA Pharma, Braine l’Alleud; Steven M. Wolinsky, Feinberg School of Medicine, Northwestern University, Chicago, Illinois; und andere
Veröffentlichung Nature, Vol. 455, 2. Oktober 2008, pp 661-4, DOI 10.1038/nature07390
WWW:
Ecology and Evolutionary Biology, University of Arizona
Häufige Fragen zu HIV und AIDS
UNAIDS
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