Posted in: Psychologie 25. September 2008 20:00 Weiter lesen →

Säuglinge interpretieren gern

Tisch, daran sitzend eine junge Frau mit einem Säugling auf dem Schoß, ihnen gegenüber eine weitere junge Frau, vor sich zwei umgedrehte Blumentöpfe und ein gelbes Spielzeugtelefon Wer mit Säuglingen zu tun hat, muss auf Missverständnisse gefasst sein. Ungarische Forscher haben entdeckt, dass die Kinder bei einem klassischen Versuch nicht etwa deshalb versagen, weil sie die Welt nicht begreifen oder ihre Handlungen nicht unter Kontrolle haben. Vielmehr scheinen sie den Darbietungen eines Mitmenschen zu viel Bedeutung beizumessen.

Foto: Copyright Science/AAAS

Wenn ein Experimentator ein knallgelbes Spielzeug wiederholt in ein bestimmtes Gefäß lege und sein Tun mit Worten und Gesten unterstreiche, schienen die Kinder daraus eine allgemeingültige Regel abzuleiten, schreiben József Topál von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und seine Kollegen im Magazin „Science“. Daher langten sie auch dann nach diesem, offenbar für Spielzeuge vorgesehenen Gefäß, wenn das Spielzeug vor ihren Augen in ein anderes Gefäß gelegt worden sei.

Topál und Kollegen rekapitulierten den klassischen Spielzeugversuch mit 42 Kindern im Alter von 10 Monaten, variierten ihn jedoch leicht. In einigen Fällen sprach die Experimentatorin mit den Kindern, suchte deren Blickkontakt und wies mehrmals auf das Gefäß hin. Wurde das Spielzeug nach 4 Wiederholungen schließlich in ein zweites Gefäß gelegt, langten 86 Prozent der Kinder dennoch nach dem ersten Gefäß. Vermied die Experimentatorin dagegen den Blickkontakt, sprach nicht und saß leicht abgewandt von den Kindern, griffen diese nur in 43 Prozent der Fälle zu dem ersten Gefäß. Saß die Experimentatorin gar hinter einem Vorhang, lag der Wert bei 36 Prozent.

Seit der ersten Beschreibung des Versuchs durch den Psychologen Jean Piaget vor über 50 Jahren seien die verschiedensten Erklärungen für den „perseverativen Fehler“ angeführt worden, so Topál und Kollegen. Piaget selbst habe vermutet, Kinder im ersten Lebensjahr gingen noch davon aus, dass das Spielzeug erst durch ihr Greifen nach dem Gefäß darin auftauche. Jüngere Erklärungsansätze nähmen dagegen an, der mehrfach erfolgreiche Griff nach dem ersten Gefäß präge sich den Kindern derart tief ein, dass sie ihn ungeachtet des Gesehenen wiederholten.

Nach Ansicht Topáls und seiner Kollegen sprechen die Resultate ihres modifizierten Versuchs gegen die bisherigen Erklärungsansätze. Sie vermuten vielmehr, dass Säuglinge in eine Art angeborenen Lernmodus umschalten, sobald sie entsprechende Hinweise aus ihrer Umwelt erhalten. „Menschliche Säuglinge sind höchst soziale Wesen, die nicht anders können, als nachdrückliche kommunikative Signale, die an sie gerichtet sind, zu interpretieren“, schreiben die Forscher. Diese Neigung erleichtere zwar das Lernen, scheine aber auch anfällig für Fehlinterpretationen zu machen.

Forschung: József Topál, György Gergely und Gergely Csibra, Research Institute for Psychology, Hungarian Academy of Sciences, Budapest, und Department of Philosophy, Central European University, Budapest; und andere

Veröffentlichung Science, Vol. 321, 26. September 2008, pp 1831-4, DOI 10.1126/science.1161437

WWW:
Psychologisches Forschungsinstitut, Ungarische Akademie der Wissenschaften
Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung
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