Wiederkäuer auf Magnet-Achse
26. August 2008 00:05 Drucken
Der Magnetsinn ist möglicherweise weiter verbreitet als gemeinhin angenommen. Für diese Ansicht sprechen Beobachtungen, die Essener Zoologen gemeinsam mit tschechischen Kollegen angestellt haben. Rinder und Hirsche zeigen demnach eine starke Tendenz, sich entlang der Nord-Süd-Achse des Erdmagnetfeldes auszurichten.
Foto: Antje Lindert-Rottke /Fotolia
Sabine Begall von der Universität Duisburg-Essen und ihre Kollegen stützen ihre Schlussfolgerung auf Satellitenbilder und direkte Beobachtungen von mehr als 11.000 Tieren. “Es ist erstaunlich, dass Hirten und Jäger dieses weit verbreitete und offenkundige Phänomen scheinbar jahrtausendelang übersehen haben”, schreiben die Forscher in den “Proceedings of the National Academy of Sciences”.
Zwar wisse man, dass grasende Rinder und Schafe typischerweise in die gleiche Richtung gewandt seien, so Begall und Kollegen. Meist begründeten Landwirte und Naturkundler dies jedoch mit wärmender Sonne oder frostigem Wind. Ob das Phänomen auch bei günstiger Witterung, nachts und in der freien Wildbahn auftrete, sei niemals gründlich untersucht worden.
Um das zu ändern, nahmen sich die Forscher Satellitenbilder vor, auf denen insgesamt 308 Rinderherden auf allen Kontinenten und ohne erkennbare Störfaktoren abgelichtet waren. Die Orientierung der Gruppen war nicht willkürlich über die Kompassrose verteilt. Vielmehr waren die meisten Herden entlang der Nord-Süd-Achse ausgerichtet, mit einer Abweichung um wenige Grad im Uhrzeigersinn. Ein Einfluss von Tageszeit und Hauptwindrichtung war nicht erkennbar. In Regionen, in denen Kompass und Karte merklich voneinander abweichen, schienen sich die Tiere allerdings an das Magnetfeld zu halten.
Eine ähnliche Ausrichtung legten 241 Rothirschrudel und Rehsprünge in der Tschechischen Republik an den Tag, für die detaillierte Beobachtungsdaten vorlagen. Wiederum schienen Sonne und Wind und auch die Temperatur keine Rolle zu spielen, fanden die Forscher. “Wir schließen daher, dass das Erdmagnetfeld der einzige gemeinsame und plausibelste bestimmende Faktor für die beobachtete Ausrichtung ist.”
Der biologische Vorzug eines solchen Verhaltens sei noch unklar. Angesichts der Lebensweise der studierten Arten sei es beispielsweise vorstellbar, dass die Tiere von einem besseren Gruppenzusammenhalt in Wäldern oder in Grünland ohne prägnante Orientierungspunkte profitierten. Diese Frage und die nach dem entsprechenden “Sinnesorgan” müssten nun durch weitere Studien geklärt werden.
Forschung: Sabine Begall und Hynek Burda, Abteilung Allgemeine Zoologie, Universität Duisburg-Essen, Essen; Jaroslav ÄŒervený, Institute of Vertebrate Biology, Academy of Sciences of the Czech Republic, Brno; und andere
Veröffentlichung PNAS, DOI 10.1073/pnas.0803650105
WWW:
Sabine Begall, Uni Duisburg-Essen
Institute of Vertebrate Biology, Academy of Sciences of the Czech Republic
Das Erdmagnetfeld
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