Posted in: Biologie, Psychologie 21. August 2008 20:00 Weiter lesen →

Wie Mäuse die Gefahr riechen

Eine kleine Gruppe von Zellen in der Nase von Mäusen dient einzig dazu, Alarmsignale von verängstigten oder gar sterbenden Artgenossen wahrzunehmen. Entsprechende Resultate präsentieren Forscher aus Lausanne im Magazin „Science“ und lösen damit ein 35 Jahre altes Rätsel auf. Direkt hinter den Nasenlöchern gelegen, fungiert das Grüneberg-Ganglion demnach als Empfangsstation für Alarmpheromone.

Bild: Copyright Science/AAAS

Solche Duftstoffe werden von vielen Tieren und Pflanzen abgegeben, wenn sie sich einer Gefahr ausgesetzt sehen oder verletzt worden sind, und dienen den jeweiligen Artgenossen als Warnung. Bei Mäusen lösen sie beispielsweise ein plötzliches Erstarren aus. Eben diese Reaktion unterbleibt, wenn die Nervenverbindung zwischen dem Ganglion und dem Gehirn unterbrochen ist, beobachteten Marie-Christine Broillet und ihre Kollegen von der Universität Lausanne.

Das Ganglion besteht aus einigen hundert, nahezu kugelrunden Zellen, die beiderseits der Nasenscheidewand am Eingang der Nasenhöhle liegen. Erstmals beschrieben wurde es von dem Genetiker Hans Grüneberg, der Anfang der 30er-Jahre aus Deutschland nach Großbritannien geflohen war. Auch beim Menschen ist es nachgewiesen worden.

Dem Grüneberg-Ganglion eine klare Funktion zuzuschreiben, erwies sich als schwierig. Zwar entsenden die Zellen darin feine Nervenausläufer zum Gehirn und bilden Proteine, die am Riechvorgang beteiligt sind. Bislang konnten jedoch keine der feinen, wimpernartigen Zellausstülpungen entdeckt werden, wie sie Riechsinneszellen typischerweise tragen. Diese Zilien konnten Broillet und ihre Gruppe nun nachweisen – und das gleich büschelweise.

Die elektronenmikroskopischen Schnittbilder der Forscher zeigen, dass jede der kugelrunden Ganglionzellen insgesamt dreißig bis vierzig Zilien trägt. Diese entspringen aus tiefen „Taschen“ in der Zellmembran und werden kurz darauf von benachbarten Zellen umhüllt.

Obwohl die Zilien nicht bis in die Nasenhöhle reichen, sind sie für Duftstoffe gut erreichbar, zeigten die Versuche der Forscher. Die Grüneberg-Zellen sprechen demnach nicht auf Pheromone an, wie sie Mäuse unter normalen Bedingungen abgeben, sondern nur auf Alarmpheromone. Wurden Kontrolltiere in einen Behälter gesetzt, in dem eine Flüssigkeit diesen Alarmduft verströmte, erstarrten die Tiere umgehend. Artgenossen, bei denen die Nervenbahn zwischen Ganglion und Gehirn durchtrennt worden war, erkundeten den Behälter dagegen unbekümmert. Gemessen an der Zeit, die sie benötigten, um einen im Streu vergrabenen Leckerbissen zu finden, war ihr „normaler“ Geruchssinn nicht beeinträchtigt.

Forschung: Julien Brechbühl, Magali Klaey und Marie-Christine Broillet, Département de pharmacologie et de toxicologie, Université de Lausanne

Veröffentlichung Science, Vol. 321, 22. August 2008, pp 1092-5, DOI 10.1126/science.1160770

WWW:
Pharmacologie et toxicologie, Université de Lausanne
Riechen
Pheromones
Alarm Pheromones

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Frühwarnsystem in der Nase
Menschen haben eine soziale Nase


Posted in: Biologie, Psychologie
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (1 Bewertungen, im Schnitt 5,00 von 5)
Loading...

Drucken Drucken


Die Kommentare sind geschlossen.