Posted in: Biologie 8. August 2008 14:46 Weiter lesen →

Warum Schildkröten in die Tiefe schweifen

Foto zeigt junge Lederschildkröten mit Längsrippen auf dem dunkelgrauen Panzer, die sich in einer Kiste drängeln Lederschildkröten tauchen gelegentlich in Tiefen von 1.000 Metern und mehr ab. Den Grund dafür glauben irische Biologen entdeckt zu haben. Die extremen Tauchgänge erfolgen nicht etwa aus Furcht vor Fressfeinden, sondern um einen Blick in die Speisekammer zu werfen.

Am Tag geschlüpfte Lederschildkröten wurden von Naturschützern eingesammelt, um sie im Schutze der Dunkelheit ins Meer zu entlassen. Foto: Betsy Lordan, US Fish and Wildlife Service

Offenbar wollen sich die Schildkröten auf diese Weise über das Angebot an Quallen, Salpen und anderer Beute informieren, erläutern Jonathan Houghton von der Queen’s University Belfast und seine Kollegen im „Journal of Experimental Biology“. Erst des Nachts stiegen diese Organismen zur Oberfläche auf und seien dort für die Schildkröten leicht erreichbar. Die Jäger wollten wiederum wissen, wo es sich zu verweilen lohne.

Die Forscher gingen der Frage nach, warum Lederschildkröten (Dermochelys coriacea) zu tiefen und lang währenden Tauchgängen in der Lage sind, obgleich sie sich meist an der Meeresoberfläche aufhalten. Um mehr über das Phänomen zu erfahren, reisten die Biologen in die Karibik und versahen dort 13 Tiere, die gerade ihre Eier abgelegt hatten, mit Messgeräten und Sendern. Fortan wurden sie via Satellit über die Bewegungen und die Umwelt der Tiere auf dem Laufenden gehalten.

Von mehr als 26.000 erfassten Tauchgängen blieben demnach gut 22.000 oberhalb der 100-Meter-Marke, lediglich 95 führten in Tiefen zwischen 300 und maximal 1.250 Metern. Allerdings waren diese extremen Tauchgänge nicht wahllos in der Zeit verteilt: Typischweise fanden sie während der Wanderung vom Eiablage-Strand zu den Nahrungsgründen und um die Mittagszeit herum statt. Auch schienen sie stundenlange Ruhephasen zur Vorbereitung und zur Erholung zu erfordern.

Falls die Tauchgänge eine Fluchtreaktion darstellten, dürften sie nach dem Erreichen der Nahrungsgründe nicht aufhören, argumentieren Houghton und Kollegen. Zudem sei eine Schildkröte für Raubfische besonders gut auszumachen, wenn sich ihre Silhouette stundenlang vor der Mittagssonne abzeichne. Zur Abkühlung dienten die tiefen Tauchgänge wohl ebenfalls nicht, da die Wassertemperaturen jenseits von 350 Metern Tiefe kaum noch sänken. Viel wahrscheinlicher sei es daher, dass die Lederschildkröten nach Beute spähten, die sich tagsüber in Tiefen von 600 Metern und mehr aufhalte. Im Erfolgsfall blieben sie vor Ort, ansonsten zögen sie weiter.

Forschung: Jonathan D.R. Houghton und Graeme C. Hays, School of Biological Sciences, Queen’s University Belfast; Thomas K. Doyle, Coastal Marine Resources Centre, University College Cork, Haulbowline; und andere

Veröffentlichung Journal of Experimental Biology, Vol. 211, pp 2566-2575, DOI 10.1242/jeb.020065

WWW:
Jonathan Houghton, Queen’s University Belfast
Irish Sea Leatherback Turtle Project
Dermochelys coriacea
Diel Vertical Migration

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