Lehrreiche Nebenwirkungen
Donnerstag, 10. Juli 2008, 20:00 • Rubrik Chemie, Medizin.
Wer die Packungsbeilage eines Medikaments studiert, findet dort mitunter eine beeindruckende Reihe möglicher Nebenwirkungen aufgelistet. So unerwünscht diese Effekte häufig auch sein mögen, liefern sie doch wertvolle Information, haben Heidelberger Forscher ermittelt. Indem sie lediglich die jeweiligen Nebenwirkungen verglichen, stießen sie auf erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen grundverschiedenen Wirkstoffen.
Foto: David Richfield (GnuFDL)
Beispielsweise lagert sich ein Wirkstoff, der die Säureausschüttung im Magen drosselt, auch an Rezeptormoleküle im Nervensystem an, berichten die Forscher um Monica Campillos und Michael Kuhn vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) im Magazin “Science”. Ihrer Ansicht nach können solche Einsichten helfen, neue Einsatzgebiete für bereits bekannte Wirkstoffe zu finden.
Das bekannteste Beispiel für eine Erweiterung der Indikation ist der Wirkstoff Sildenafil. Als Hilfsmittel bei Erektionsstörungen unter dem Handelsnamen “Viagra” vermarktet, war die Verbindung ursprünglich zur Behandlung von Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße gedacht. Seit einiger Zeit ist sie – unter einem anderen Handelsnamen – auch zur Behandlung von Lungenhochdruck zugelassen.
Die von Campillos, Kuhn und Kollegen entwickelte Methode berücksichtigt einerseits Ähnlichkeiten im chemischen Aufbau der Wirkstoffe. Andererseits wertet sie einzelne Nebenwirkungen nach ihrer Häufigkeit. So werden potenzielle Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Erbrechen auf beinahe jedem Beipackzettel aufgelistet und liefern kaum Hinweise auf mögliche Gemeinsamkeiten. Ganz anders ist die Lage bei jenen wenigen Wirkstoffen, die eine seltene Art der Blutarmut herbeiführen können.
Die Forscher wandten ihre Methode auf einen Satz von 746 Wirkstoffen an und identifizierten 261 Paare chemisch wenig ähnlicher Verbindungen, die wahrscheinlich an gleiche Zielmoleküle im menschlichen Körper angreifen. Exemplarisch nahmen die Wissenschaftler 20 dieser Paare genauer unter die Lupe und testeten ihre Vorhersage unter anderem an Zellkulturen. In 11 Fällen binden die Wirkstoffe demnach so stark an ihre “außerplanmäßigen” Ziele, dass sich daraus wahrscheinlich ein biologischer Effekt ergibt. Und in 7 dieser 11 Fälle wird der dafür nötige Spiegel bereits bei vorschriftsmäßiger Einnahme des Medikaments erreicht.
“Nach weiteren Tests und Verfeinerungen könnte unsere Methode künftig im großen Maßstab angewandt werden”, erklärt Peer Bork, der Leiter der Heidelberger Arbeitsgruppe. Für die Pharmaindustrie sei die Aussicht, neue oder altbewährte Wirkstoffe im Computer auf weitere Einsatzgebiete abklopfen zu können, von immensem Interesse. “Dies würde eine Menge Geld sparen und die Wirkstoffentwicklung enorm beschleunigen”, so der Forscher.
Forschung: Monica Campillos, Michael Kuhn und Peer Bork, European Molecular Biology Laboratory (EMBL), Heidelberg, und Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, Berlin-Buch; und andere
Veröffentlichung Science, Vol. 321, 11. Juli 2008, pp 263-6, DOI 10.1126/science.1158140
WWW:
Bork Group, EMBL Heidelberg
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