Klassiker mit Ebenmaß
Mittwoch, 2. Juli 2008, 6:00 • Rubrik Kultur, Physik, Technik.
Was den Facettenreichtum und die Klarheit ihres Klangs betrifft, gelten die Violinen aus der Werkstatt Antonio Stradivaris nach wie vor als unerreicht. Eine mögliche Erklärung dafür liegt im Holz, belegt eine Untersuchung zweier niederländischer und amerikanischer Forscher. Zwar ist es bei den legendären Instrumente nicht mehr oder weniger dicht als bei modernen Pendants. Die Dichteschwankungen innerhalb der Jahresringe sind jedoch sehr gering.
Die CT-Vermessung ermöglichte tiefe Einblicke in das Holz der klassischen Violinen. Hier dargestellt ist die Dicke von Decken und Böden, von weiß (5 Millimeter) nach schwarz (0 Millimeter). Bild: Stoel BC, Borman TM (2008), PLoS ONE 3(7): e2554
“Über die Ursachen können wir zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren”, beteuern der Radiologe Berend Stoel vom Universitätsklinikum Leiden und der Geigenbauer Terry Borman im Fachblatt “PLoS One”. Immerhin könnten die neuen Resultate heutigen Instrumentenbauern helfen, die klanglichen Qualitäten der mitunter für mehrere Millionen Euro gehandelten Klassiker nachzubilden.
Stoel und Borman nutzten einen Computertomografen, der normalerweise zur Untersuchung von Herzpatienten eingesetzt wird, um modernen und klassischen Violinen und Bratschen berührungsfrei unter den Lack zu schauen – darunter zwei Stradivaris und drei Guarneri del Gesùs. Zur Datenanalyse nutzten die Forscher ein Programm, das Stoel zur Begutachtung von Lungenemphysemen entwickelt hatte.
Weder das Fichtenholz der Decke noch das Ahornholz des Bodens sind bei den Klassikern auffällig massig oder leicht, ermittelten die Forscher. Anders dagegen die Dichtevariation innerhalb der Jahresringe – bestehend aus weitporigem Frühholz und engporigem Spätholz. Die Werte im Deckenholz der modernen Instrumente schwanken um 274 Gramm pro Liter, während es bei den klassischen Instrumenten nur 183 Gramm pro Liter sind. Stoel und Borman vermuten, dass sich Schwingungen in homogenerem Holz leichter ausbreiten können, um schließlich von der Decke als Schall abgestrahlt zu werden.
Nicht minder facettenreich als der Klang der Stradivaris sind die modernen Erklärungsversuche. Sie reichen vom Flößen des Holzes über dessen Lagerung im Wasser bis hin zu besonderen Lackrezepturen. Unter anderem war angeführt worden, das von Stradivari und Kollegen verbaute Holz sei während der “Kleinen Eiszeit” gewachsen und weise daher besonders schwach ausgeprägte Jahresringe auf. Dieser Faktor könne aber nicht den Ausschlag geben, so Stoer und Borman, weil in diesem Falle die Gesamtdichte des Klassiker-Holzes deutlich von dem modernen Wert abweichen müsste.
Forschung: Berend C. Stoel, Afdeling Radiologie, Leids Universitair Medisch Centrum, Leiden, und Terry M. Borman, Fayetteville, Arkansas
Veröffentlichung PLoS One, Vol. 3(7), e2554, DOI 10.1371/journal.pone.0002554
WWW:
Der Artikel online
Radiologie, Leids Universitair Medisch Centrum
Borman Violins
Zum Klang der Stradivaris
Jahresringe
Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Holzpilze für Wohlklang
Stradivari: Wohlklang dank kleiner Eiszeit?
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