Posted in: Genetik, Medizin 26. Juni 2008 20:00 Weiter lesen →

Genetischer Dialekt verlangsamt Virus

Raster-EM-Aufnahme zeigt Polioviren als weiße Kugeln mit Schattenwurf auf einer grauen Unterlage Wer in der Bäckerei Semmeln oder Schrippen verlangt, erhält er zwar überall Brötchen, wird jedoch je nach Region unterschiedlich zügig bedient. Das gleiche Phänomen haben sich amerikanische Forscher zunutze gemacht, um abgeschwächte Viren herzustellen. Deren genetische Information ist in einem wenig geläufigen „Dialekt“ niedergeschrieben, sodass sie von befallenen Zellen nur zögerlich vermehrt werden.

Polioviren vermehren sich zunächst in der Darmwand. Zu den gefürchteten, mitunter tödlich verlaufenden Nervenschäden kommt es, wenn sie auch ins Zentralnervensystem gelangen. EM-Aufnahme: CDC

Des ungeachtet besitzen die Viren den gleichen Aufbau wie ihre natürlichen Vettern, schreiben die Forscher um Eckart Wimmer und Steffen Mueller von der Stony Brook University im Magazin „Science“. Daher können sie als Impfstoff eingesetzt werden, um den Körper für Begegnungen mit eben diesen Wildtyp-Erregern zu wappnen.

Ein Gen trägt typischerweise die Bauanleitung für ein Protein. Allerdings kennt der genetische Code 64 „Wörter“, während nur 20 verschiedene Aminosäuren verbaut werden. Für die meisten Aminosäuren gibt es daher mehrere Codewörter, die im Erbgut jedoch unterschiedlich oft auftauchen. Damit nicht genug, gibt es auch für Paare aufeinanderfolgender Aminosäuren unterschiedlich geläufige „Wortpaare“.

Mueller und Kollegen führten ihre Versuche mit dem Poliomyelitisvirus durch, dem Erreger der Kinderlähmung. Die Forscher veränderten das Gen für ein Hüllprotein des Virus an mehreren Hundert Stellen derart, dass es möglichst wenig geläufige Codonpaare enthielt. Viren mit diesem manipulierten Gen wurden in Zellkulturen mit einem Tausendstel der Rate normaler Viren vermehrt – hauptsächlich deshalb, weil das Hüllprotein in den befallenen Zellen zu langsam gebildet wurde. Erhielten Mäuse derart verlangsamte Viren ins Bauchfell gespritzt, entwickelten sie eine Immunität gegen reguläre Polioviren.

Forschung: J. Robert Coleman, Dimitris Papamichail, Steven Skierna, Bruce Futcher, Eckard Wimmer und Steffen Mueller, Department of Molecular Genetics and Microbiology und Department of Computer Science, Stony Brook University, Stony Brook, New York

Veröffentlichung Science, Vol. 320, pp 1784-7, DOI 10.1126/science.1155761

WWW:
Wimmer & Paul Lab, Stony Brook University
Polyomyelitis-Portal der WHO
Picornaviren
Genetischer Code
Codon Usage Bias

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Westafrika: Massive Impfkampagne gegen Kinderlähmung

Posted in: Genetik, Medizin
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (noch unbewertet)
Loading...

Drucken Drucken


Die Kommentare sind geschlossen.