Posted in: Psychologie 12. Juni 2008 12:36 Weiter lesen →

Akustischer Geschlechts-Kontrast

Ohr _300 Wer längere Zeit auf einen Wasserfall blickt und dann auf den angrenzenden Fels, meint dort eine aufwärts gerichtete Bewegung wahrzunehmen. Das akustische Gegenstück zu dieser optischen Täuschung haben Jenaer Psychologen entdeckt. Nachdem ihre Versuchsteilnehmer mehrmals eine weibliche Stimme gehört hatten, stuften sie eine androgyne Stimme eher als männlich ein.

Foto: Pierre-jean G/Fotolia

Der Nacheffekt funktioniert auch in die umgekehrte Richtung und zeigt sich selbst dann, wenn zwischen dem Hören der Trainingsstimmen und dem Hören der Teststimme einige Zeit verstrichen ist, erklärt Stefan Schweinberger von der Universität Jena. „Dieser Effekt hält einige Minuten lang an.“

Nacheffekte beruhen vermutlich darauf, dass die für einen Reiz zuständigen Nervenzellen allmählich „ermüden“, sodass beim Wegfall des Reizes vorübergehend jene Nervenzellen die Oberhand gewinnen, die für den entgegengesetzten Reiz verantwortlich sind. Für die visuelle Wahrnehmung sind bereits mehrere solcher Effekt bekannt. Schweinberger und seine Gruppe konnten nun erstmals belegen, dass sie auch bei akustischen Reizen, unabhängig von sprachlicher Information, auftreten.

Für ihre Versuche nutzten die Forscher die Stimm-Morphing-Software eines japanischen Informatikers. Damit können Stimmung oder Geschlecht einer Stimme rein rechnerisch verändert werden. Die insgesamt 72 Probanden hörten zunächst Aufnahmen von Männern oder Frauen, die sinnlose Silben artikulierten. Danach hörten sie eine per Stimm-Morphing bearbeitete Stimme. Lag deren Charakter genau in der Mitte zwischen „rein weiblich“ und „rein männlich“ und hatten die Probanden zuvor nur Frauenstimmen gehört, stuften sie die Teststimme zu knapp 20 Prozent als weiblich ein. Nach dem Hören von Männerstimmen lag der Anteil dagegen bei knapp 40 Prozent.

Nach Ansicht Schweinbergers unterstreichen die neuen Resultate die Erkenntnis, dass die menschliche Wahrnehmung keineswegs unbestechlich ist. „Wir müssen die Prinzipien der Wahrnehmung verstehen, um verantwortungsvoll damit umgehen zu können“, so der Psychologe. Wenn es beispielsweise um Zeugenaussagen vor Gericht gehe, komme dieser Einsicht durchaus eine handfeste Bedeutung zu.

Forschung: Stefan R. Schweinberger, Christoph Casper und Romi Zäske, Institut für Psychologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena; Hideki Kawahara, Faculty of Systems Engineering, Wakayama University; und andere

Veröffentlichung Current Biology, Vol. 18, pp 684-8

WWW:
Allgemeine Psychologie und Kognitive Neurowissenschaft, Uni Jena
Design and Information Department, Wakayama University
Voice Morphing Demo (Shockwave)
Motion Aftereffect (Waterfall Illusion)

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