Logarithmisches Zahlengespür
29. Mai 2008 20:00 Drucken
Ob Aktienkurse, Wahlergebnisse oder Temperaturen – Menschen führen sich Zahlen gerne in geometrischer Form vor Augen. Dabei handelt es sich um eine angeborene Fähigkeit, sind französische und amerikanische Forscher überzeugt. Bei ihren Experimenten im brasilianischen Regenwald fanden sie, dass auch die Angehörigen eines ursprünglichen Stammes mit dem Konzept des Zahlenstrahls arbeiten können.
Dabei zeigte sich allerdings ein klarer Unterschied zu dem aus der Grundschule vertrauten Zahlenstrahl, berichtet die Gruppe um Stanislas Dehaene von der französischen Atomenergiekommission und der Harvard University im Magazin “Science”. Das angeborene Mengengespür scheint logarithmisch zu arbeiten: Gleiche Abstände spiegeln auf ihm nicht etwa gleiche Differenzen, sondern gleiche Verhältnisse zwischen zwei Zahlen wider.
“Diese logarithmische, auf Zahlenverhältnissen basierende Methode ist die intuitivste”, erklärt Dehaene. “Wir haben sie im Laufe der Primatenevolution erworben und greifen immer noch darauf zurück, wenn uns keine präzisen mathematischen Werkzeuge zur Verfügung stehen.” Die lineare Variante scheine dagegen eine kulturelle Errungenschaft zu sein, die jedem Menschen neu beigebracht werden müsse.
Dehaene und Kollegen führten ihre Versuche bei den Munduruku durch. Im Amazonasbecken mit wenig Kontakt zur “Zivilisation” lebend, besitzen diese Menschen ein eingeschränktes Vokabular für Zahlen und räumliche Verhältnisse. Des ungeachtet können sie beide Konzepte gut verknüpfen, fanden die Forscher. Sie zeigten ihren Probanden eine Linie mit 1 bzw. 10 oder mit 10 bzw. 100 Punkten an den beiden Enden. Auf dieser Linie sollten die Probanden dann Zahlen einordnen, die ihnen als Punktmengen, als Tonfolgen oder als gesprochene Zahlworte präsentiert wurden.
Stets positionierten die Munduruku größere Zahlen weiter rechts auf der Linie. Allerdings rückten sie die 5 bzw. 50 nicht in die Mitte, sondern etwas weiter rechts davon. Zudem setzten sie Zahlen generell umso enger, je größer diese waren. Nur Probanden, die eine Schule besucht hatten, gingen bei kleineren Zahlen linear vor.
Ein ähnliches Muster sei auch bei Menschen in Industrienationen zu beobachten, betonen die Forscher. Erst in der Grundschule begännen amerikanische Kinder, vom logarithmischen zum linearen Zahlenstrahl überzugehen. Und bei größeren Mengen, die sich nicht ohne weiteres präzise erfassen ließen, legten auch erwachsene Amerikaner ein logarithmisches Zahlengefühl an den Tag.
Forschung: Stanislas Dehaene, Véronique Izard und Elizabeth Spelke, INSERM, Unité de Neuroimagerie Cognitive, Institut Fédératif de Recherche und Commissariat à l’Energie Atomique, Gif sur Yvette, und Department of Psychology, Harvard University, Cambridge, Massachusetts; Pierre Pica, UMR 7023 “Formal Structure of Language”, CNRS und Université Paris VIII
Veröffentlichung Science, Vol. 320, 30. Mai 2008, pp 1217-20, DOI 10.1126/science.1156540
WWW:
Cognitive Neuroimaging Unit, INSERM/CEA
Spelke Lab, Harvard University
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