Dorsch schlägt Wellen
7. Mai 2008 06:00 Drucken
Indem der Dorschbestand in der Ostsee schrumpfte, haben sich Veränderungen auf allen Stufen des Nahrungsnetzes eingestellt. Das haben schwedische, lettische und deutsche Forscher anhand langjähriger Datenreihen zeigen können. Vermittelt durch die Sprotte als wichtigstem Beutefisch des Dorschs, haben sich die Effekte über das Zooplankton bis auf die Ebene einzelliger Algen fortgepflanzt.
Starke Befischung ist ein Grund für den Bestandesrückgang des Dorschs. Foto: OAR/National Undersea Research Program (NURP)
Damit sei erstmals ein Kaskadeneffekt über vier Stufen eines Nahrungsnetzes im offenen Meer nachgewiesen, schreiben die Forscher um Michele Casini von der Schwedischen Fischereibehörde in den “Proceedings of the Royal Society B”. Aus den Resultaten ließen sich wichtige Schlussfolgerungen ableiten – etwa die, dass zur Vermeidung potenziell giftiger Algenblüten nicht nur der Nährstoffeintrag in das Meer verringert, sondern auch die Kontrolle durch den Dorsch wiederhergestellt werden müsse.
Casini und Kollegen analysierten Daten, die überstaatliche und nationale Einrichtungen seit 1974 im Gotlandbecken erhoben haben. In dieser Zeit hat der dortige Dorschbestand starke Veränderungen durchgemacht: Ausgehend von etwa 60.000 Tonnen, stieg seine Biomasse bis Anfang der 80er-Jahre auf 100.000 Tonnen, um dann stark zu sinken. Seit den 90er-Jahren liegt der Wert bei etwa 20.000 Tonnen. Als wichtigste Ursache gilt die starke Befischung im Verein mit einem geringen Einstrom von Nordseewasser in die Ostsee.
Der Dorschrückgang hatte weitreichende Folgen, ergab die statistische Auswertung der Daten. Nicht nur die starke Vermehrung der Sprotte lässt sich zu einem großen Teil durch den geringeren Fraßdruck erklären. Auch der Rückgang der Sprottennahrung – Ruderfußkrebse und anderes Zooplankton – und die Vermehrung der vom Zooplankton abgegrasten Algen in den Sommermonaten lassen sich zum Teil auf die Veränderungen an der Spitze des Nahrungsnetzes zurückführen. Effekte in die entgegengesetzte Richtung erwiesen sich in den Modellrechnungen als wenig bedeutsam.
Angesichts dieser Resultate stelle sich die Frage nach der Erholung des Dorschbestandes in der Ostsee, so Casini und Kollegen. Da sich die Larven des Dorschs ebenfalls vom Zooplankton ernährten, könnte der starke Sprottenbestand für sie eine ernste Nahrungskonkurrenz bedeuten. Dieses Wechselspiel gelte es sorgfältig zu studieren – ebenso wie eventuelle Reaktionen und Auswirkungen anderer Beteiligter, etwa heimischer Quallen und eingeschleppter Rippenquallen.
Forschung: Michele Casini und Joakim Hjelm, Institute of Marine Research, Swedish Board of Fisheries, Lysekil; Juan-Carlos Molinero, Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, Kiel; und andere
Veröffentlichung Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, DOI 10.1098/rspb.2007.1752
WWW:
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