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Angst in der virtuellen U-Bahn

1. April 2008 |

Computergrafik zeigt Blick in einen U-Bahn-Wagen mit Haltestangen, Fenstern und Bänken, darauf eine bunte Mischung männlicher und weiblicher Avatare Anflüge von “Verfolgungswahn” sind etwas völlig Normales, glauben britische Wissenschaftler nach einem Experiment mit 200 Teilnehmern. Viele davon wurden in einer harmlosen Situation, einer virtuellen Fahrt in der U-Bahn, von unbegründeten Ängsten geplagt.

Selbst in der virtuellen U-Bahn beschleicht viele Menschen ein ungutes Gefühl. Grafik: Department of Computer Sciences, University College London

Beinahe 40 Prozent der Versuchsteilnehmer hätten während der Fahrt paranoide Gedanken oder Gefühle geäußert, erklärt Daniel Freeman vom King’s College London. “Eigentlich sollte das keine große Überraschung sein”, so der Psychologe. “Jegliche soziale Interaktion fußt auf einer grundlegenden Entscheidung darüber, wem man trauen kann und wem nicht.” Diese Entscheidung sei fehleranfällig, und gerade in Bus und Bahn gebe es reichlich mehrdeutige Signale zu interpretieren.

Auf Basis einer großangelegten Befragung waren Freeman und Kollegen bereits vor zwei Jahren zu dem Schluss gekommen, dass paranoides Denken in der Allgemeinbevölkerung weit verbreitet ist. Um dieses Phänomen unter kontrollierten Bedingungen zu studieren, bedienten sie sich nun der virtuellen Realität: Mit Hilfe eines speziellen Helms versetzten sie 200 Personen für einige Minuten in einen Wagen der Londoner U-Bahn - inklusive typischer Fahrgeräusche und einer Reihe atmender, sich umschauender oder Zeitung lesender Passagiere.

Obwohl alle Versuchsteilnehmer die gleiche Situation erlebten, nahmen sie ihre virtuellen Mitreisenden höchst unterschiedlich wahr, berichten Freeman und Kollegen demnächst im “British Journal of Psychiatry”. In der Regel wurden die Avatare zwar als neutral bis freundlich eingeschätzt. Mehr als jeder dritte Teilnehmer hatte jedoch den Eindruck, von einzelnen Mitreisenden verdächtig häufig angeschaut zu werden, fühlte sich zwischen ihnen gefangen oder äußerte gar Angst vor Taschendieben. Eher selten waren solche Gedanken bei jenen, die auch im echten Leben regelmäßig in der U-Bahn fuhren.

“Früher ging man davon aus, dass paranoides Denken allein bei Menschen mit einer ernsten Geisteskrankheit auftritt”, so Freeman weiter. Im Verein mit den Ergebnissen der Befragung zeigten die neuen Resultate jedoch, dass dieser Zustand ähnlich häufig sei wie Angststörungen oder Depression. “Argwohn gegenüber anderen ist derart häufig, dass er ein essenzieller, wenn auch ungeliebter Teil der menschlichen Natur zu sein scheint.”

Forschung: Daniel Freeman, Katherine Pugh und Pilippa A. Garety, Institute of Psychiatry, King’s College London; und andere

Veröffentlichung British Journal of Psychiatry

WWW:
Institute of Psychiatry, King’s College London
- How Common Are Paranoid Thoughts?

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