Neandertaler und Mensch: Zeitgemäße Drift
18. März 2008 | Druckversion
Paläontologen und Genetiker streiten häufig darüber, wessen Ansatz die besseren Resultate liefert. Tatsächlich kann die Form eines Knochens im Laufe der Zeit ähnlich variieren wie “nutzlose” DNA, lässt die Analyse einer internationalen Anthropologengruppe vermuten. Allein anhand der Schädel von modernen Menschen und Neandertalern schätzen die Forscher, dass sich die beiden Linien vor rund 311.000 bis 435.000 Jahren getrennt haben.
Für ihre Analyse werteten die Forscher 37 verschiedene Schädelmaße aus. Bild: Courtesy of the National Academy of Sciences, PNAS (Copyright 2008)
Umfangreiche genetische Untersuchungen hätten einen Wert von rund 370.000 Jahren geliefert, so die Forscher um Timothy Weaver vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und von der University of California, Davis. Die insgesamt gute Übereinstimmung zeige, “dass es keinen Konflikt zwischen Molekülen und Morphologie gibt”, schreiben die Forscher in den “Proceedings of the National Academy of Sciences”.
Ein großer Teil des menschlichen Genoms erfüllt keine bestimmte Funktion. Diese Sequenzen können daher frei von den Zwängen der Selektion im Laufe der Zeit variieren. In den letzten Jahren angestellte Studien hatten vermuten lassen, dass ähnliches auch für zahlreiche Schädelmerkmale gilt. Beispielsweise ist die Bandbreite verschiedener Schädelmaße innerhalb einer Population umso kleiner, je weiter diese von der afrikanischen Wiege der Menschheit entfernt ist.
Weaver und Kollegen machten nun die Probe aufs Exempel und analysierten die Schädel von 20 Neandertalern und rund 2.500 modernen Menschen. Die Forscher bestimmten pro Schädel 37 Abstände, beispielsweise zwischen den Außenrändern der Jochbeine oder zwischen Nasenwurzel und Hinterhaupt. Anhand dieser Maße schätzen sie dann die Zeitspanne, die nötig wäre, um die beobachteten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen allein durch zufällige Drifteffekte zu erzeugen.
Offenbar spiegelten die Variationen in den betrachteten Schädelmaßen eher die Geschichte der jeweiligen Population wider als das Wirken eines Selektionsdrucks, folgern die Forscher. Das bedeute allerdings nicht, dass die Schädelform keinen solchen Zwängen unterliege, betonen sie. Beispielsweise sei der Schädel, gemessen am Rest des Körpers, sowohl beim Neandertaler als auch beim modernen Menschen deutlich gewachsen. Des ungeachtet scheine es aber noch reichlich Spielraum für Zufallseffekte gegeben zu haben.
Forschung: Timothy D. Weaver, Department of Anthropology, University of California, Davis, und Abteilung Humanevolution, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig; Charles C. Roseman, Department of Anthropology, University of Illinois at Urbana-Champaign, Urbana; Chris B. Stringer, Department of Paleontology, Natural History Museum, London
Veröffentlichung PNAS, DOI 10.1073/pnas.0709079105
WWW:
Anthropology, UC Davis
MPI für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
The Hall of Human Ancestors
Molecular Clocks
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Antikörper