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Zweckdienliches Sehen

Dienstag, 11. März 2008, 12:35 • Rubrik Psychologie.

Zwei schräg aufeinander zu laufende Linien, dazwischen zwei gleich lange, horizontale LinienDie Hände “sehen” mitunter besser als der Verstand, zeigen die Experimente israelischer und amerikanischer Psychologen. Zwar ließen sich ihre Versuchsteilnehmer durch einen optischen Trick dazu verleiten, ein Objekt als zu groß oder zu klein wahrzunehmen. Wenn sie jedoch nach dem Objekt greifen sollten, passte der Abstand zwischen den Fingern gut zur tatsächlichen Objektgröße.

Die Ponzo-Täuschung täuscht den Verstand, nicht aber die Hände.

Dieses Ergebnis spreche für die Hypothese, visuelle Information werde im Gehirn auf zweierlei Weise verwertet, erläutert Tzvi Ganel von der Ben-Gurion-Universität. Demnach entspringen in der Sehrinde im Hinterhauptslappen zwei “Datenströme”, die gen Scheitel- bzw. Schläfenlappen laufen. Ersterer soll eher für das abstrakte Erkennen von Objekten in ihrer Umwelt, letzterer dagegen eher für das konkrete Interagieren mit Objekten dienen.

Ganel und Kollegen konfrontierten ihre Probanden mit der Ponzo-Täuschung. Dabei wird meist eine Andeutung von räumlicher Tiefe genutzt, um zwei gleich lange Striche als unterschiedlich lang erscheinen zu lassen. In diesem Fall nutzten die Forscher den Trick, um das kürzere von zwei Objekten als das längere erscheinen zu lassen und umgekehrt. Dann baten sie die Versuchsteilnehmer, nach den Objekten zu greifen und überwachten gleichzeitig die Haltung von Daumen und Zeigefinger. Die verblüffenden Resultate präsentieren sie im Fachblatt “Psychological Science”.

“Die Vrostellung, in einem einzigen Gehirn könne es zwei unterschiedliche visuelle Systeme geben, scheint zunächst widersinnig”, räumt Ganel ein. “Schließlich scheint es doch das gleiche geistige Bild zu sein, dass es uns erlaubt, eine Kaffeetasse auf einem Tisch zu erkennen und danach zu greifen.” Die Resultate der aktuellen Versuche und früherer Studien ließen jedoch vermuten, dass zwei verschiedene Systeme am Werk seien, die aufgrund ihrer jeweiligen Spezialisierung unterschiedlich anfällig für Täuschungen seien.

Forschung: Tzvi Ganel und Michal Tanzer, Department of Behevioural Science, Ben-Gurion University of the Negev, Beerscheba; Melvyn A. Goodale, Department of Psychology, University of Western Ontario, London, Ontario

Veröffentlichung Psychological Science, Vol. 19(3), pp 221-5, DOI 10.1111/j.1467-9280.2008.02071.x

WWW:
Behavioural Science, Ben-Gurion University
Goodale Lab, University of Western Ontario
- The Visual Brain in Action
Sehen: Bilder im Gehirn
Die Ponzo-Illusion
77 Optical Illusions and Phenomena

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