Posted in: Geologie, Physik 29. Februar 2008 06:01 Weiter lesen →

Felsiges Strandgut zeigt Gletscherschwund

Seit einiger Zeit wird eine Ausdünnung der Gletscher in der Westantarktis beobachtet. Die Geschwindigkeit, mit der das geschieht, ist außergewöhnlich hoch, haben britische und deutsche Forscher jetzt erstmals belegen können. In den letzten Jahrzehnten lag sie demnach um ein Vielfaches über dem Durchschnitt der letzten Jahrtausende.

Panoramafoto zeigt zwei Helikopter auf einer schneebedeckten Kuppe. Aus dem Schnee ragen einige Felszacken empor, auf denen einige Menschen arbeiten

Auf den felsigen Inseln, die aus dem dünner werdenden Eisstrom aufgetaucht sind, findet sich höchst interessantes Strandgut. Foto: British Antarctic Survey

So hat einer der studierten Gletscher, der Pine-Island-Gletscher, in den letzten 4.700 Jahren im Schnitt 3,8 Zentimeter pro Jahr an Mächtigkeit eingebüßt, berichten Joanne Johnson vom British Antarctic Survey und zwei Kollegen im Fachblatt „Geology“. Anhand von Satellitenaufnahmen war für die 90er-Jahre dagegen eine Rate von 1,6 Meter pro Jahr ermittelt worden. Auch für die übrigen zwei Gletscher liegen die historischen Werte bei wenigen Zentimetern pro Jahr.

Die von der Forschergruppe studierten Gletscher münden in die Amundsensee, westlich des mächtigen Transantarktischen Gebirges gelegen. „Bislang wussten wir nur wenig über die Vergangenheit dieses Teils des westantarktischen Eisschilds, weil die Region so extrem abgelegen und unzugänglich ist“, erklärt Johnson. Umso wichtiger seien die neuen Resultate als Eckpunkte für die Simulation der Eisströme und für die Bewertung ihres aktuellen Verhaltens.

Die Forscherin und ihre Kollegen flogen die drei Gletscher mit den Hubschraubern des deutschen Forschungseisbrechers Polarstern an. Vor Ort sammelten sie fußballgroße Gesteinsbrocken, die in den Eisströmen transportiert und – indem diese schrumpften – schließlich auf eisfreiem Untergrund abgesetzt worden waren. Die seitdem vergangene Zeit schätzte die Gruppe anhand der Menge von Beryllium-10 und Aluminium-26 in dem felsigen „Strandgut“. Diese Isotope sammeln sich in der Oberfläche der Felsbrocken an, seit diese nicht mehr vom Eis gegen die kosmische Strahlung abgeschirmt werden.

Unter dem Einfluss der kosmischen Strahlung entstehen in dem Strandgut seltene Isotope. Foto: British Antarctic Survey

Der westantarktische Eisschild ist für die Forscher besonders interessant, weil dessen felsige Basis unter dem Meeresspiegel liegt. Allein das schiere Gewicht des kilometerdicken Eispanzers drückt diesen an den Untergrund. Wird das Eis jedoch dünner und damit leichter, lässt der Reibungswiderstand nach und die Eisströme können beschleunigen. Möglicherweise kann dieser Prozess letztlich große Teile des Eisschildes destabilisieren. Allein der an die Amundsensee grenzende Teil birgt genügend Eis, um den Meeresspiegel um etwa 1,5 Meter steigen zu lassen.

Forschung: Joanne S. Johnson, British Antarctic Survey, Cambridge; Michael J. Bentley, Department of Geography, Durham University, Durham; Karsten Gohl, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven

Veröffentlichung Geology, Vol. 36(3), pp 223-6, DOI 10.1130/G24207A.1

WWW:
British Antarctic Survey
Cosmogenic Isotope Studies
Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung
Der Antarktische Eisschild
Eis und Klima
Terrestrial Cosmogenic Nuclides

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Antarktische Gletscher beschleunigen
Eisstrom beschleunigt im Gezeitenrhythmus

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