Paranthropus: Frühe Haremsherren?
29. November 2007 20:01 Drucken
Bei einem frühen Verwandten des Menschen ging es möglicherweise zu wie bei heutigen Gorillas. Diese Hypothese stellt eine internationale Forschergruppe im Magazin “Science” auf. Beim Vergleich von Fossilien des Paranthropus robustus fanden sie Indizien dafür, dass die Männchen relativ spät ein zweites Reifestadium erreichten – ähnlich den dominanten Silberrücken in Gorillagruppen.
Foto: Courtesy Ron Ritchie
“Männliche Gorillas wachsen noch, wenn ihre Weisheitszähne schon längst durchgebrochen sind. Den Silberrücken-Status erreichen sie erst viele Jahre, nachdem die Weibchen ihren ersten Nachwuchs bekommen haben”, erläutert Charles Lockwood vom University College London. Konsequenz dieser unterschiedlichen Wachstumsmuster seien beträchtliche Größenunterschiede zwischen den Geschlechtern.
Lockwood und drei Kollegen aus Italien und Südafrika verglichen 35 fossile Kiefer- und Schädelfragmente von erwachsenen Vertretern des Paranthropus robustus, einem vor 1,5 bis 2 Millionen Jahren im südlichen Afrika lebenden Vetter des Menschen. Die Forscher sortierten die Fundstücke einerseits nach der geschätzten Größe und andererseits nach dem Alter der Individuen, geschätzt anhand der Abnutzung der Zähne.
Es zeigte sich, dass kleine, zierliche Individuen in allen Altersklassen vertreten waren. Besonders große Individuen fanden sich dagegen vornehmlich in den höheren Altersklassen. Ausgehend von den Verhältnissen bei Gorillas, vermuten die Anthropologen, dass es sich bei ersteren um Weibchen handelt und bei letzteren um Männchen.

Die Unterkiefer von ausgewachsenen Paranthropus robustus sind bei ausgewachsenen Weibchen (links) und Männchen (rechts) unterschiedlich kräftig. In der Mitte der Unterkiefer eines jungen Männchens, bei dem die Weisheitszähne noch nicht durchgebrochen sind. Foto: Courtesy of Charles Lockwood.
Gemäß dieser Zuordnung dürfte nicht einmal ein Viertel der Fossilien von weiblichen Paranthropus robustus stammen. Dieses Missverhältnis passe zu der Annahme gorillaähnlicher Verhältnisse, so Lockwood und seine Kollegen. Nichtdominante, erwachsene Männchen hielten sich vornehmlich am Rand oder abseits einer Gruppe auf, bis sie stark genug seien, um es mit einem Silberrücken aufzunehmen. Diese Isolation mache sie zur leichten Beute für Raubkatzen, auf deren Wirken zumindest eine der Paranthropus-Fundstätten zurückgeführt werde.
“Letztlich führten die Männchen dieser Spezies also ein sehr riskantes, potenziell aber auch sehr lohnendes Leben”, erklärt Lockwood. “Wahrscheinlich verließen sie ihre Geburtsgruppen, sobald sie die Geschlechtsreife erreicht hatten, und erst sehr viel später waren sie genügend weit entwickelt, um attraktiv für Weibchen zu sein und eine neue Gruppe etablieren zu können. Einige von ihnen vielen Raubtieren zum Opfer, bevor sie diese Chance nutzen konnten.”
Forschung: Charles A. Lockwood, Department of Anthropology, University College London; Colin G. Menter, Institute for Human Evolution, University of the Witwatersrand, Johannesburg; Jacopo Moggi-Cecchi, Department of Anthropology and Development Studies, University of Johannesburg; Andre W. Keyser, Dipartimento di Biologia Animale e Genetica und Museo di Storia Naturale, Università di Firenze
Veröffentlichung Science, Vol. 318, 30. November 2007, pp 1443-6, DOI 10.1126/science.1149211
WWW:
Charles Lockwood, University College London
Cradle of Humankind
Paranthropus robustus
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