Neandertaler: Frühe Rotschöpfe?
25. Oktober 2007 |
Nicht nur beim modernen Menschen, auch beim Neandertaler könnte das Leben in höheren Breiten zu einer bunten Palette von Hauttypen und Haarfarben geführt haben. Hinweise für eine solche Parallelentwicklung präsentieren Forscher aus Barcelona und Leipzig im Magazin “Science”. Bei der Untersuchung von Neandertalerknochen stießen sie auf einen nur schlecht aktivierbaren “Pigmentschalter”, wie er ähnlich auch bei heutigen Rotschöpfen vorkommt.
Bild: Knut Finstermeier, MPI für evolutionäre Anthropologie; ursprüngliche Neandertaler-Rekonstruktion: Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
Die zugehörigen Genvarianten unterschieden sich bei Neandertaler und moderndem Mensch allerdings deutlich, betont die Gruppe um Carles Lalueza-Fox von der Universität Barcelona und Holger Römpler von der Universität Leipzig. Die Gemeinsamkeit liege wohl in den hiesigen Umweltbedingungen: Unter der europäischen Sonne bringe eine hellere Haut keine nennenswerten evolutionären Nachteile und im Gegenteil vielleicht sogar Vorteile mit sich.
Die Forscher isolierten und rekonstruierten DNA aus den Überresten zweier Neandertaler, die in Italien bzw. Spanien gefunden worden waren. Dabei konzentrierten sie sich auf das Gen für den Melanocortin-1-Rezeptor (MC1R). Dieses Rezeptorprotein sitzt in der Membran von Haut- und Haarzellen. Je stärker es durch einen Botenstoff aktiviert wird, desto mehr dunkles Eumelanin und desto weniger rötliches Phäomelanin bilden die Zellen. Zumindest der italienische Neandertaler trug eine Variante des Gens, wie sie bei heutigen Menschen - allen voran die Mitglieder der Forschergruppe - nicht auftritt.
Wie schon bei einer früheren Studie an Mammuts, schleusten die Forscher die “fossile” Genvariante in Zellkulturen ein und testeten die Arbeitsweise des zugehörigen Proteins. Nach seiner Bildung im Zellinneren schafft es das Neandertaler-MC1R demnach kaum zur Zelloberfläche. Haarwurzel- und Hautzellen mit dieser Variante dürften selbst dann nur wenig dunkles Pigment bilden, wenn sie förmlich in Botenstoff baden. Ähnliche Resultate lieferten Tests mit einer MC1R-Variante aus heutigen Menschen mit blasser Haut und roten Haaren. Die Wissenschaftler schätzen daher, dass mindestens 1 Prozent der Neandertaler rothaarig gewesen sein könnten.
Forschung: Carles Lalueza-Fox, Departament de Biologi Animal, Universitat de Barcelona; Holger Römpler, Institut für Biochemie der Medizinischen Fakultät, Universität Leipzig; Michael Hofreiter, Abteilung Evolutionäre Genetik, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig; und andere
Veröffentlichung Science Express, 25. Oktober 2007, DOI 10.1126/science.1147417
WWW:
Biologia Animal, Universitat de Barcelona
Molekulare Biochemie, Uni Leipzig
AG Hofreiter, MPI für evolutionäre Anthropologie
Haare aus Sicht der Chemie
The Roots of Red Hair
The Hall of Human Ancestors
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