Posted in: Genetik, Kultur, Mathematik 10. Oktober 2007 19:02 Weiter lesen →

Die Evolution der Verben

Je wichtiger ein Gen für seinen Organismus ist, desto weniger verändert es sich im Laufe der Zeit. Ähnliches gilt für unregelmäßige Verben, lässt eine Studie amerikanischer Mathematiker und Biologen vermuten. Zumindest im Englischen bleibt der unregelmäßige Charakter umso eher erhalten, je häufiger das jeweilige Verb benutzt wird.

„Die mathematische Analyse dieser linguistischen Evolution offenbart, dass sich unregelmäßig konjugierte Verben extrem regelmäßig verhalten“, formuliert Erez Lieberman von der Harvard University. Die „Halbwertszeit“ eines unregelmäßigen Verbs steige mit der Quadratwurzel seiner Häufigkeit: Ein hundertmal häufigeres Verb bleibe im Schnitt zehnmal länger unregelmäßig, berichten der Forscher und seine Kollegen im Magazin „Nature“.

Obwohl kaum drei Prozent aller englischen Verben unregelmäßig sind, stellen sie doch die zehn am häufigsten benutzten Verben (be, have, do, go, say, can, will, see, take, get). Eine denkbare Erklärung für diese schiefe Verteilung ist, dass selten benutzte, unregelmäßige Verben rasch „aussterben“ (regelmäßig werden), weil der Umgang mit ihnen kaum gelernt und rasch wieder vergessen wird. Lieberman und Kollegen gingen dieser Vermutung nach.

Die Forscher fahndeten in altenglischen, um das Jahr 800 verfassten Texten nach unregelmäßigen Verben, die auch heute noch benutzt werden. Von den 177 Verben waren gut 400 Jahre später, in mittelenglischen Texten, nur noch 148 unregelmäßig. Und nur 98 Verben haben sich ihren unregelmäßigen Charakter bis heute erhalten. Die statistische Analyse lässt vermuten, dass die Evolutionsraten über die Jahrhunderte stabil waren – ungeachtet so bedeutender Entwicklungen wie der normannischen Eroberung und der Einführung des Buchdrucks.

Noch vor Jahrhunderten habe es eine Vielzahl von Regeln zur Konjugation von Verben gegeben, schreiben die Forscher. Mit dem Großteil der zugehörigen Objekte seien aber auch die meisten dieser Regeln aus dem Alltag verschwunden, erklärt Liebermans Kollege Jean-Baptiste Michel. „Unregelmäßige Verben sind wie Fossilien, an denen wir ablesen können, wie linguistische Regeln und vielleicht auch soziale Regeln kommen und gehen.“

Forschung: Erez Lieberman, Jean-Baptiste Michel, Joe Jackson, Tina Tang und Martin A. Nowak, Program for Evolutionary Dynamics, Department of Organismic and Evolutionary Biology und Department of Mathematics, Harvard University, Cambridge, Massachusetts

Veröffentlichung Nature, Vol. 449, 11. Oktober 2007, pp 713-6, DOI 10.1038/nature06137

WWW:
Program for Evolutionary Dynamics, Harvard University
Homepage Erez Lieberman
Irregular Verb
The Old English Verb
Gesellschaft zur Stärkung der Verben

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