Jeder vierte Autofahrer übermüdet

24. September 2007 08:00 Drucken

iStockphoto - Lenkrad Jeder vierte Autofahrer sitzt zu müde hinter dem Steuer, schätzen Forscher der Universitäts-Augenklinik Tübingen. Die Arbeitsgruppe um Barbara Wilhelm unterzog zufällig ausgewählte Autofahrer einem freiwilligen Müdigkeitstest, den nicht einmal jeder zweite als “normal wach” absolvieren konnte. “Die Müdigkeit ist nicht das Problem, sondern deren richtige Einschätzung”, warnt Wilhelm.

Foto: Frances Twitty /iStockphoto

Die Tübinger Arbeitsgruppe Pupillenforschung entwickelte den so genannten Pupillographischen Schläfrigkeitstest (PST), der in mehreren Studien an Autobahnraststätten eingesetzt wurde. Die Teilnehmer mussten während der elfminütigen Messung in einem völlig abgedunkelten Raum in die Richtung eines Lichtes blicken, hinter dem sich eine Infrarot-Kamera befand. Die Bewegungen der Pupille – ein Maß der Müdigkeit – wurden automatisch ausgewertet. Außerdem füllten die Probanden einen Fragebogen aus, in dem sie über ihre Wach-, Schlaf- und Fahrzeit, die gefahrene Strecke, den Kaffee- und Nikotinkonsum, sowie ihre subjektiv gefühlte Schläfrigkeit Auskunft gaben.

Nur 43 von 100 Teilnehmern waren normal wach, berichtete Wilhelm jetzt auf der Jahrestagung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) in Berlin. Jeder dritte Autofahrer habe an der Grenze zur Übermüdung gestanden, jeder vierte sei auffallend schläfrig gewesen. Letzteren empfahlen die Forscher eine kurze Schlafpause von 15 Minuten. Die dafür zu Verfügung stehenden Motelräume habe indes keiner der betroffenen Fahrer in Anspruch nehmen wollen.

Die Tübinger Versuche bestätigen die Ergebnisse der bisher größten Studie zum Thema Verkehr und Müdigkeit in Österreich: Von September 2005 bis August 2006 wurde im Land Oberösterreich die Schläfrigkeit von 1180 LKW- und Busfahrern mit Hilfe des PST-Verfahrens gemessen. Weniger als die Hälfte der Kraftfahrer war bedenkenlos fahrtauglich, 30 Prozent waren nur bedingt fahrtauglich, jeder fünfte war zu müde, ein Fahrzeug zu lenken.

Die Lenk- und Ruhezeiten der LKW-Fahrer werden zwar mit dem Fahrtenschreiber kontrolliert, doch “der Fahrtenschreiber überprüft lediglich die Arbeitszeit des Fahrzeugs, nicht aber die des Lenkers”, gibt Robert Hagen, Unfallsachverständiger und Projektleiter der Studie zu bedenken. Wenn ein Fahrer etwa Nebenjobs annehme, könne die tatsächliche Arbeitszeit von der “offiziellen” deutlich abweichen.

“Müdigkeit als Unfallrisiko wird von den meisten Fahrern gefährlich unterschätzt”, sagt Wilhelm. Wer am Steuer gähne, sich die Augen reibe, sich strecke und schlechte Laune bekomme, solle diese Frühwarnzeichen ernst nehmen. Am besten helfe ein 15minütiger Kurzschlaf und vorher eine Tasse Kaffee – diese wirke erst nach 15 bis 20 Minuten. “99 Prozent der Menschen merken, dass sie müde sind. Doch wie nahe sie am Sekundenschlaf sind, merken sie nicht. Denn das Ausmaß der Müdigkeit entgeht unserer Wahrnehmung.”

Forschung: Barbara Wilhelm, Universitäts-Augenklinik Tübingen, Arbeitsgruppe Pupillenforschung

WWW:
Projekte der “Pupil Research Group” Tübingen

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