- Scienceticker – tagesaktuelle Nachrichten aus Wissenschaft und Technik - http://www.scienceticker.info -

Viktorianischer Rechts-Sinn

Linkshändigkeit wurde im Viktorianischen England zu einem seltenen Phänomen. Anhand zeitgenössischer Dokumentarfilme haben zwei britische Psychologen das Phänomen nun genauer untersucht. Der Anteil der Linkshänder in der Bevölkerung fiel demnach von etwa 20 Prozent unter den Mitte des 19. Jahrhunderts Geborenen auf lediglich 3 Prozent zur Jahrhundertwende.

Eine plausible Erklärung für diese Entwicklung liege in der Industrialisierung, schreiben Christopher McManus und Alex Hartigan vom University College London im Fachblatt „Current Biology“. Im Zuge von Alphabetisierung, allgemeiner Schulpflicht und zunehmendem Werkzeugeinsatz seien Linkshänder vermutlich stärker aufgefallen – und umerzogen worden.

McManus und Hartigan analysierten Dokumentarfilme, die in den Jahren 1897 bis 1913 im Norden Englands gedreht worden waren. Die beiden Psychologen fanden, dass das Winken eine der am häufigsten auf Zelluloid gebannten Handlungen mit Links-Rechts-Ungleichgewicht war. Von 391 winkend abgelichteten Menschen nutzten lediglich 15,6 Prozent dazu den linken Arm, vornehmlich ältere Personen.

In einer Sammlung moderner Fotos aus dem Internet lag der Anteil dagegen bei 24,3 Prozent, während heute etwa 11 Prozent der Menschen „echte“ Linkshänder sind. Auf Basis dieser Werte schätzen die Forscher, dass der Anteil bei den um 1840 geborenen Personen ebenfalls noch 11 Prozent betrug und bis Mitte der 1890er-Jahre auf gut ein Drittel dieses Wertes sank.

Der besonders hohe Anteil älterer Linkshänder spreche gegen eine erhöhte Sterblichkeit von Linkshändern, schreiben McManus und Hartigan. Auch habe es im Viktorianischen Zeitalter wohl nicht als unschicklich gegolten, mit links zu winken. Daher müsse die Linkshändigkeit an sich seltener geworden sein.

Die neuen Resultate stehen im Einklang mit denen einer groß angelegten Studie unter 1,2 Millionen US-Amerikanern. Demnach schrieben lediglich 3 Prozent der um das Jahr 1900 geborenen Personen mit der linken Hand, schon in den 1950er-Jahren lag der Anteil jedoch wieder über 10 Prozent.

Forschung: Ian Christopher McManus und Alex Hartigan, Department of Psychology, University College London

Veröffentlichung Current Biology, Vol. 17(18), R793-4

WWW:
Department of Psychology, University College London [1]
The Mitchell & Kenyon Collection [2]
Virtual Victorians [3]
Primate Handedness and Brain Lateralization [4]

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Händigkeit entscheidet sich im Mutterleib [5]
Kraken haben eine Schokoladenseite [6]