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Doppelt-Sehen beim Lesen

Montag, 10. September 2007, 11:46 • Rubrik Kultur, Psychologie.

Fotolia_Buch-lesen Beim Lesen läuft der Blick nicht gleichmäßig von links nach rechts, sondern springt vorwärts und rückwärts durch die Druckzeilen. Damit nicht genug, haben britische Psychologen festgestellt. Die Augen müssen beim Lesen nicht einmal auf den gleichen Punkt gerichtet sein.

Foto: Francesco Melloni /Fotolia.com

Vielmehr kommt es immer wieder vor, dass beim Erfassen eines Wortes das eine Auge auf einen anderen Buchstaben schaut als das andere. Erst im Gehirn würden die unterschiedlichen Ansichten zu einem einzigen Bild zusammengesetzt, erläutert Simon Liversedge von der University of Southampton auf dem “Festival of Science” in York.

Liversedge und seine Kollegen ließen ihre Probanden aus 1 Meter Entfernung einen Text in einer 14-Punkt-Schrift lesen. Mit Hilfe von Infrarotlicht, das an den Augäpfeln gespiegelt wurde, konnten sie dabei mit hoher Genauigkeit verfolgen, wie der Blick durch die Zeilen sprang und schwierige Wörter und Passagen mitunter wiederholt abtastete. Zu ihrer Verblüffung fanden sie zudem, dass das rechte Auge dem linken immer wieder voraus war, typischerweise um zwei Buchstaben.

“Das klingt nach einem minimalen Unterschied”, so Liversedge. “Es bedeutet jedoch einen erheblichen Unterschied in den Bildern, die die beiden Augen an das Hirn liefern.” Wie das Gehirn mit dieser Diskrepanz umgeht, zeigten weitere Tests, bei denen jedes Auge nur einen Teil eines zusammengesetzten Wortes sah. Die resultierenden Augenbewegungen sprechen gegen die Hypothese, das Sehsystem könne immer wieder ein Auge ausblenden. Vielmehr scheint es die beiden Bilder zu einer einzigen, scharfen Ansicht des Textes zu verschmelzen.

Jahrzehntelang sei man davon ausgegangen, dass die Augen beim Lesen stets den gleichen Punkt fixierten, so der Psychologe. Die neuen Resultate widersprächen dieser Ansicht und lieferten neue Einblicke in die fundamentalen Mechanismen des Lesens. Solches Wissen sei unverzichtbar, “wenn wir bessere Methoden entwickeln wollen, um Kinder das Lesen zu lehren und um Menschen mit Lesestörungen zu helfen”.

Forschung: Simon P. Liversedge, School of Psychology, University of Southampton; und andere

Präsentation auf dem BA Festival of Science, York: Veröffentlichung Current Biology, Vol. 16(17), pp 1726-9

WWW:
Cognitive & Learning Psychology, University of Southampton
Legasthenie und Sehen, Blicklabor der Uni Freiburg
- Bedeutung der Blickmotorik
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