Posted in: Mathematik, Medizin, Soziales 26. Juli 2007 06:01 Weiter lesen →

Übergewicht ist „ansteckend“

Übergewicht ist im gewissen Sinne ansteckend. Das haben zwei amerikanische Forscher anhand der Daten von über 12.000 Einwohnern einer amerikanischen Kleinstadt ermittelt. Ist ein normalgewichtiger Einwohner einer übergewichtigen Person freundschaftlich oder verwandtschaftlich verbunden, wird er mit erhöhter Wahrscheinlichkeit ebenfalls Übergewicht entwickeln.

Grafik zeigt 2.200 gelb bzw. grün gefärbte Kreise, die über dünne Linien untereinander verbunden sind

Die größte Gruppe unter den Studienteilnehmern besteht aus 2.200, einander verwandtschaftlich oder freundschaftlich verbundenen Personen. Je größer der Kreis, desto größer der Body-Mass-Index, gelb markiert Fettleibigkeit. Grafik: Courtesy of James Fowler, UC San Diego

Überraschenderweise zeigt sich der stärkste Effekt nicht etwa zwischen Verwandten mit ihrem ähnlichen Erbgut, sondern zwischen Freunden, berichten Nicholas Christakis von der Harvard University und James Fowler von der University of California – San Diego im „New England Journal of Medicine“. So steigt das Risiko im Falle enger Freunde um 171 Prozent, bei Geschwistern dagegen nur um 40 Prozent.

Das gelte selbst dann, wenn die Wohnorte der Freunde 800 Kilometer auseinander lägen, betont Christakis. Daher könne der Effekt nicht einfach durch die gemeinsam verbrachte Freizeit erklärt werden. „Scheinbar bewirkt eine Person, wenn sie Übergewicht entwickelt, eine Veränderungen der Vorstellungen davon, was eine angemessene Körperfülle ist“, so der Forscher. „Die Leute denken, dass es in Ordnung ist, fülliger zu sein, weil die Menschen um sie herum füllig sind. Und so verbreitet sich diese Ansicht.“

Christakis und Fowler analysierten Daten aus einer Studie zu den Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die seit 1948 in Framingham, Massachusetts, durchgeführt wird und derzeit in die dritte Generation geht. Zusätzlich zu Angaben über Körpermasse und -größe konnten die Forscher auf Listen zurückgreifen, auf denen zu jedem Teilnehmer eine Reihe von Familienmitgliedern und Freunden vermerkt worden waren. Anhand dieser Angaben erstellten die Forscher die Beziehungsnetzwerke der 12.067 Teilnehmer in den Jahren 1971 bis 2003.

Während ein übergewichtiger Partner das Risiko für Übergewicht um 37 Prozent erhöht, steigt es bei einem übergewichtigen „lockeren“ Freund um 57 Prozent, ergab die Analyse. Dicke Nachbarn, die nicht auch als Freunde betrachtet werden, haben dagegen keinen Einfluss.

„Ich denke, dass soziale Effekte viel stärker sind als bislang angenommen“, erklärt Fowler. Zwar werde intensiv nach Genvarianten gefahndet, die anfällig für Übergewicht machten, das soziale Umfeld könne jedoch ebenfalls vieles erklären. Und dieser Effekt könne wiederum zur Bekämpfung des Übergewichts genutzt werden. „Wenn wir einer Person beim Abnehmen helfen, helfen wir vielen“, so der Forscher. „Nicht nur Übergewicht, auch Schlankheit ist ansteckend.“

Forschung: Nicholas A. Christakis, Department of Health Care Policy, Harvard Medical School, Boston, Massachusetts, und James H. Fowler, Department of Political Science, University of California at San Diego

Veröffentlichung New England Journal of Medicine, Vol. 357(4), 26. Juli 2007, pp 370-9

WWW:
Homepage James Fowler, UCSD
Homepage Nicholas Christakis, Harvard Medical School
Framingham Heart Study
Adipositas/Übergewicht

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
„Verstecktes“ Fett erhöht Herzrisiko
Geselligkeit ist gut fürs Herz
Soziologen kartieren innerschulisches Beziehungsnetzwerk

Posted in: Mathematik, Medizin, Soziales
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (noch unbewertet)
Loading...

Drucken Drucken


Die Kommentare sind geschlossen.