Posted in: Genetik, Geologie, Klima, Umwelt 5. Juli 2007 20:02 Weiter lesen →

Laue Luft auf Grönland

Im südlichen Grönland, heute von einem zwei Kilometer dicken Eispanzer bedeckt, herrschte einst ein vergleichsweise mildes Klima. Zu diesem Schluss kommt eine internationale Forschergruppe nach der Analyse eines Eisbohrkerns. Darin enthaltene DNA lässt vermuten, dass in dem Gebiet vor über 450.000 Jahren Schmetterlinge zwischen Gräsern, Blumen und Bäumen umherflatterten.

Foto: Blondhaarige Forscherin im roten Parka begutachtet einen weißlich schimmernden Eiszylinder mit dunklen Streifen

Ingesamt gut zwei Kilometer lang, enthält der grönländische Bohrkern nicht nur Eis und Gasbläschen. Foto: Courtesy Dorthe Dahl-Jensen

Eine ähnliche Szenerie könnte man heutzutage in Schweden beobachten, erklärt Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen, auf Grönland würde man sie jedoch nicht erwarten. „Dieses genetische Material spiegelt eine biologische Umgebung wider, die sich vollkommen von der unterscheidet, die wir heute sehen.“ Willerslev und Kollegen präsentieren ihre Resultate im Magazin „Science“.

Das von den Forschern untersuchte Material stammt aus der Dye3-Bohrung, die im Jahr 1981 in einer Tiefe von 2.037 Metern auf die felsige Basis des grönländischen Eisschilds gestoßen war. Die unteren Meter des armdicken Bohrkerns enthalten neben Eis auch feine Boden- bzw. Mineralpartikel. Typische Pflanzen- und Wirbellosengene als Köder nutzend, fischten Willerslev und Kollegen in diesem Material nach Erbgut der einstigen Fauna und Flora.

Wie die Forscher berichten, lieferte ihr Fischzug DNA-Sequenzen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von Fichten, Kiefern, Erlen und Steinbrech stammen. Weitere Sequenzen ließen sich zumindest größeren Gruppen zuordnen, darunter Schmetterlingsblütler, Korbblütler, Weidengewächse, Süßgräser und Schmetterlinge. Das Alter des Materials schätzt die Gruppe auf 450.000 bis 900.000 Jahre.

Ausgehend von den heutigen Ansprüchen der nachgewiesenen Pflanzen, seien die Temperaturen im Winter damals nicht unter minus 17 Grad Celsius gefallen und im Sommer durchaus auf 10 Grad und mehr gestiegen, so die Forscher. Allerdings könne das Gebiet selbst während der jüngsten Warmphase der Eiszeit, dem Eem, nicht frei von Eis gewesen sein. Ansonsten wären die älteren DNA-Fragmente zerstört und durch jüngere Moleküle ersetzt worden.

„Wenn unsere Daten korrekt sind, bedeutet dies, dass die Eiskappe im Süden Grönlands stabiler ist als bislang angenommen“, erläutert Willerslev. Das heiße jedoch nicht, dass Schätzungen des künftigen Meeresspiegelanstiegs revidiert werden müssten. Im Eem sei der Meeresspiegel nachweislich um fünf bis sechs Meter gestiegen. Zwar müssten dazu neben Grönland noch weitere Quellen wie etwa die Antarktis beigetragen haben, so der Forscher. Er gehe jedoch davon aus, „dass diese Quellen auch heute zum Anstieg des Meeresspiegel beitragen werden, indem der vom Mensch verursachte Klimawandel die Erde erwärmt“.

Forschung: Eske Willerslev, Centre for Ancient Genetics, University of Copenhagen; Enrico Cappellini, BioArch, Departments of Biology and Archaeology, University of York; Michael Hofreiter, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig; und andere

Veröffentlichung Science, Vol. 317, 6. Juli 2007, pp 111-4, DOI 10.1126/science.1141758

WWW:
Willerslev Lab, Uni Kopenhagen
Greenland Ice Core Sites
Eiszeiten und Warmzeiten
Wenn die nächste Eiszeit kommt

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Vorgezogener Frühling auf Grönland
Gletscher gibt alte Pflanzen frei
Forscher: Schnee könnte Grönland-Eis erhalten

Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (noch unbewertet)
Loading...

Drucken Drucken


Die Kommentare sind geschlossen.