Körper reifen strategisch
15. Mai 2007 20:32
Wie sich der Körper einer Frau verhält, hängt auch von den Bedingungen ab, unter denen sie als junges Mädchen gelebt hat. Entsprechende Hinweise liefert eine Studie, die eine britische Anthropologin mit Einwanderinnen in London durchgeführt hat. Jene Frauen, die vor Erreichen der Geschlechtsreife nach England gekommen waren, wiesen deutlich höhere Hormonspiegel auf als jene, die erst später eingewandert waren.
Ähnliche Unterschiede zeigten sich in Bezug auf den Zeitpunkt der ersten Regelblutung, fanden Alejandra Núñez de la Mora vom University College London und ihre Kolleginnen. “Sehr einfach formuliert, könnte man sagen, dass der weibliche Körper während der Kindheit und vor der Pubertät seine Umwelt beobachtet und bestimmt, wann und wie rasch er idealerweise reifen sollte”, erklärt die Forscherin. Ihre Resultate präsentiert sie im Fachblatt “PLoS Medicine”.
Die Forscherinnen konnten 221 in Bangladesch bzw. England geborene Frauen für die Teilnahme an ihrer Studie gewinnen. Einen ganzen Regelzyklus lang bestimmten sie täglich den Spiegel des Hormons Progesteron im Speichel der Teilnehmerinnen. Das Hormon wird insbesondere nach dem Eisprung gebildet und bereitet die Gebärmutter auf die Einnistung eines befruchteten Eis vor.
Anhand der Messwerte konnten die Frauen in zwei Gruppen eingeteilt werden: Bei jenen, die stets in Bangladesch gelebt hatten oder erst als Erwachsene nach England gekommen waren, stiegen die Werte im Laufe des Zyklus deutlich weniger stark als bei jenen, die vor der Pubertät nach England gekommen waren oder schon immer dort gelebt hatten.
Letztere seien als Kinder weniger stark mit Hunger, Krankheitserregern und anderen widrigen Umständen konfrontiert worden, so Núñez de la Mora und Kolleginnen. Die Resultate passten daher zu der Annahme, dass der Körper eine Optimierungsstrategie verfolge und diese unter anderem anhand der Kindheitserfahrungen ausrichte: “Wenn Energie nicht unbegrenzt zur Verfügung steht, muss sie zwischen Erhaltung, Wachstum und Fortpflanzung aufgeteilt werden. Wenn die Bedingungen besser werden, macht sich diese Beschränkung weniger stark bemerkbar und mehr Energie kann in die Reproduktion gesteckt werden.”
Wie sich der veränderte Hormonhaushalt letztlich auswirke, könne jedoch nicht pauschal gesagt werden, betont Gillian Bentley, eine der Autorinnen der Studie. Mehr Progesteron müsse nicht automatisch eine höhere Fruchtbarkeit bedeuten. Umgekehrt könnten höhere Hormonspiegel ein höheres Risiko für Brustkrebs bei den Einwanderinnen oder ihren Kindern bedingen. “Die potenziellen gesundheitlichen Folgen sind weitreichend”, so die Forscherin.
Forschung: Alejandra Núñez-de la Mora, Dora A. Napolitano und Gillian R. Bentley, Department of Anthropology, University College London; und andere
Veröffentlichung PLoS Medicine, Vol. 4(5), e167, DOI 10.1371/journal.pmed.0040167
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Human Evolutionary Ecology Group, UCL
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