Frühe Europäer vertrugen keine Milch
27. Februar 2007 |
Erst hielt die Landwirtschaft Einzug in Europa, dann passten sich die Körper der Bauern an das Trinken von Milch an. Für diese Annahme sprechen genetische Untersuchungen, die Mainzer und Londoner Anthropologen an steinzeitlichen Skeletten durchgeführt haben. Sämtliche Individuen dürften demnach in jungen Jahren die Fähigkeit verloren haben, Milchzucker zu verdauen.

Vor der Extraktion von DNA werden die alten Schädel äußerlich mit ultraviolettem Licht sterilisiert. Foto: AG Paläogenetik, Uni Mainz
Die Produktion des entsprechenden Enzyms auch im Erwachsenenalter, die Laktase-Persistenz, müsse sich also erst später durch natürliche Selektion verbreitet haben, folgert die Gruppe um Joachim Burger von der Universität Mainz. “Wahrscheinlich hat die Fähigkeit zur Milchverdauung sogar einen entscheidenden Selektionsvorteil bei der Entwicklung der sesshaften Ackerbauern und Viehzüchter im mittleren und nördlichen Europa gebracht”, so der Forscher.
Bei den meisten Säugetieren hört der Körper nach dem Abstillen auf, das Milchzucker spaltende Enzym Laktase zu produzieren. Auch beim Menschen ist dies typischerweise so. Ausnahmen bilden vor allem die Bevölkerungen Nord- und Mitteleuropas sowie Hirtenvölker in Afrika und im Mittleren Osten. Zwar sollte der Konsum von Milch als Eiweiß- und Mineralienlieferant klare Vorzüge mit sich bringen. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Milchwirtschaft erst auf dem Boden einer genetischen Verträglichkeit für Milch entwickelt wurde.
Burger und Kollegen untersuchten nun neun mittel- und jungsteinzeitliche, menschliche Skelette aus Deutschland, Ungarn, Litauen und Polen. Bis zu 8.000 Jahre alt, stammen die Knochen aus einer Zeit, als die Haltung von Ziegen, Schafen und Rindern in Europa erst am Anfang stand. Bei allen Skeletten fand sich nur jene Variante des Gens MCM6, die heutzutage mit einem frühen Rückgang der Laktase-Produktion einhergeht. Für andere DNA-Regionen ergab die Sequenzierung dagegen unterschiedliche Varianten, sodass die Forscher einen systematischen Fehler ausschließen. Auch eine Kontaminierung mit modernem oder tierischem Erbgut scheint unwahrscheinlich.
“Mit Milch konnte die hohe Rate der Kindersterblichkeit nach dem Abstillen reduziert werden und außerdem konnten Jahre mit schlechter Ernte energetisch substituiert werden”, so Burger weiter. Nach Ansicht des Forschers und seiner Gruppe dürfte die Minderheit der steinzeitlichen Europäer, bei der das Enzym auch im Jugend- und Erwachsenenalter gebildet wurde, nach Einführung der Milchwirtschaft massiv im Vorteil gewesen sein. Ihre Milchzuckerverträglichkeit dürfte sich daher rasch in der Bevölkerung ausgebreitet haben.
Forschung: Joachim Burger, Martina Kirchner, Barbara Bramanti und Wolfgang Haak, Institut für Anthropologie, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, und Mark G. Thomas, Department of Biology, University College London
Veröffentlichung PNAS, DOI 10.1073/pnas.0607187104
WWW:
Arbeitsgruppe Paläogenetik, Uni Mainz
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