Alkoholiker verpassen Pointen
23. Januar 2007 15:38 Drucken
Humor bedeutet harte Arbeit für das Gehirn – verlangt er doch ein Hineinversetzen in Denken und Fühlen anderer Menschen. Eben diese Fähigkeit ist bei fortgesetztem Alkoholmissbrauch gestört, zeigen Versuche einer Bochumer Neurowissenschaftlerin. Die von ihr untersuchten Alkoholiker konnten Witze nur schlecht zu Ende bringen und fanden die Pointen weniger witzig als gesunde Kontrollpersonen.
Dieses Resultat bestätige die Ansicht, dass der Stirnlappen der Großhirnrinde ganz besonders anfällig für die toxische Wirkung des Alkohols sei, schreiben Jennifer Uekermann von der Ruhr-Universität Bochum und ihre deutschen und britischen Kolleginnen im Fachblatt “Addiction”. Um einen Witz verstehen und wertschätzen zu können, müsse man das Handeln von Fremden im Umweltkontext vorhersagen und Unstimmigkeiten wertschätzen können. Für derart anspruchsvolle Prozesse sei der präfrontale Kortex wichtig, der vorderste Teil der Großhirnrinde.
Uekermann und Kolleginnen studierten je 29 Alkoholiker und gesunde Kontrollpersonen. Unter anderem präsentierten sie ihnen einen halbfertigen Witz samt mehrerer Möglichkeiten, ihn zu beenden. Dabei wählten die Alkoholiker eher Slapstick-Varianten oder rein logische Alternativen. Für erstere müssen Unstimmigkeiten erkannt werden (Inkongruenz-Detektion), während für letztere eine Situation zu einem schlüssigen Ende gedacht werden muss (Resolution). Um jedoch eine Pointe erkennen und verstehen zu können, braucht es beide Fähigkeiten.
Verglichen mit den Kontrollpersonen, schätzten die Alkoholiker die meisten möglichen Endungen als weniger witzig ein. Nach der Witz-Situation und dem Denken der Handelnden befragt, legten sie zudem ein geringeres Verständnis an den Tag. “Diese Ergebnisse sprechen für Beeinträchtigungen der affektiven und kognitiven Humorkomponente bei Alkoholismus”, fasst Uekermann die Resultate zusammen. Solche Defizite könnten zu zwischenmenschlichen Problemen führen und müssten daher bei der Therapie von Alkoholikern beachtet werden.
Forschung: Jennifer Uekermann und Irene Daum, Institut für kognitive Neurowissenschaft, Ruhr-Universität Bochum; Shelley Channon, Department of Psychology, University College London; und andere
Veröffentlichung Addiction, Vol. 102(2), DOI 10.1111/j.1360-0443.2006.01656.x
WWW:
Institut für kognitive Neurowissenschaft, Uni Bochum
Alkoholismus
Theory of Mind
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