Sehen kann man auch spät lernen

5. Januar 2007 18:07 Drucken

Auch wenn sie dem Säuglings- und Kleinkindalter entwachsen sind, können Menschen noch sehen lernen. Über einen entsprechenden Fall berichten amerikanische Neurowissenschaftler im Fachblatt “Psychological Science”. Eine von Geburt an blinde Frau hatte erst im Alter von 12 Jahren ihr Augenlicht zurückgewonnen und in der Folge einen guten Sehsinn entwickelt.

“Diese Resultate deuten darauf hin, dass sich das menschliche Gehirn ein beeindruckendes visuelles Lernvermögen bis in die späte Kindheit erhält”, schreiben Pawan Sinha und seine Kollegen vom Massachusetts Institute of Technology. Umso stärker solle die Motivation für Ärzte sein, blind geborene Kinder auch noch in späteren Jahren zu behandeln.

Tierversuche hatten vermuten lassen, dass die Augen während der ersten Lebensmonate Signale an die Großhirnrinde senden müssen, damit sich das Sehzentrum und mit ihm der Sehsinn entwickeln kann. Ob es eine solche kritische Phase auch beim Menschen gibt, lässt sich nur aus wenigen Einzelschicksalen ableiten. In dem von Sinha und Kollegen beschriebenen Fall handelt es sich um eine Inderin, die mit stark getrübten Augenlinsen geboren worden war und bestenfalls Helligkeitsunterschiede wahrnehmen konnte.

Erst im Alter von 12 Jahren konnte zumindest die linke Linse entfernt werden. Nach der Operation und nach Verordnung einer starken Star-Brille fand sich die junge Frau immer besser sehend zurecht, konnte eine Schule für Nicht-Blinde besuchen und arbeitet seitdem als Haushälterin. Ihre Sehschärfe mit Brille beträgt etwa zehn Prozent.

Die Forscher lernten die mittlerweile 34-Jährige zufällig in einer Augenklinik kennen und unterzogen sie einer Reihe von Sehtests. Beispielsweise sollte sie geometrische Figuren erkennen, weibliche von männlichen Gesichtern unterscheiden und Hinweise für räumliche Tiefe aus Zeichnungen herauslesen.

Dabei schnitt die Frau überraschend gut ab. Zwar bewältigte sie einige Tests langsamer und schien – etwa beim Einschätzen der Blickrichtung – andere Hinweise zu nutzen als Menschen mit normaler Seh-Entwicklung. Dennoch waren ihre Testresultate kaum schlechter als die von Kontrollpersonen mit einer ähnlichen Sehschärfe.

Forschung: Yuri Ostrovsky, Aaron Andalman und Pawan Sinha, Department of Brain and Cognitive Sciences, Massachusetts Institute of Technology, Cambridge

Veröffentlichung Psychological Science, Vol. 17(12), pp 1009-14, DOI 10.1111/j.1467-9280.2006.01827.x

WWW:
Sinha Lab for Vision Research, MIT
- Project Prakash
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Grauer Star

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