Selektion auf verschlungenen Pfaden
Donnerstag, 16. November 2006, 20:01 • Rubrik Biologie.
Die natürliche Selektion schlägt mitunter Haken, belegen Versuche amerikanischer Biologen. Nachdem sie räuberische Eidechsen auf kleinen Inseln ausgesetzt hatten, besaßen zunächst Beute-Eidechsen mit längeren Beinen einen Überlebensvorteil. Binnen Monaten kehrte sich der Trend jedoch um, indem nun Tiere mit kürzeren Beinen begünstigt wurden. Ihre Resultate präsentieren die Forscher im Magazin “Science”.

Langbeinige Anolis können schneller flüchten. Foto: Courtesy Jonathan B. Losos
Eben diese Trendwende hatte die Gruppe um Jonathan Losos von der Washington University aufgrund früherer Beobachtungen vorhergesagt. Ihre Überlegung: Solange die Beute-Echsen ihr Heil in der Flucht suchen, sollten langbeinige Sprinter im Vorteil sein. Mit der Zeit gehen die Tiere jedoch dazu über, sich auf Bäumen und damit außerhalb der Reichweite des Räubers aufzuhalten. Zum Klettern und Festklammern im Geäst sind wiederum kurze Beine besser geeignet.
Losos und Kollegen führten ihre Versuche auf sechs kleinen Inseln der Bahamas durch. Zunächst fingen die Forscher sämtliche Bahama-Anolis (Anolis sagrei), vermaßen und markierten die kleinen Echsen und setzten sie dann wieder aus. Dann brachten sie räuberische Rollschwanzleguane (Leiocephalus carinatus) auf die Inseln und ermittelten nach sechs und zwölf Monaten, wie viele und welche Anolis überlebt hatten. Als Kontrolle dienten sechs räuberfrei belassene Inselchen.
Die Resultate belegten, wie wichtig Anpassungen im Verhalten für den Verlauf der Evolution seien, schreiben die Forscher. Auch zeigten sie, dass der Zeitfaktor bei entsprechenden Studien von großer Bedeutung sei: “Hätten wir zwölf Monate bis zur ersten Messung gewartet, hätten wir schließen können, dass der Räuber kaum einen Effekt auf die Selektion hat.”
Forschung: Jonathan B. Losos und R. Brian Langerhans, Department of Biology, Washington University, St. Louis; Thomas W. Schoener und David A. Spiller, Section of Ecology and Evolution, University of California, Davis
Veröffentlichung Science, Vol. 314, 17. November 2006, p 1111, DOI 10.1126/science.1133584
WWW:
Losos Lab, Washington University
Anolis
Rollschwanzleguan
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