Posted in: Anthropologie, Genetik 25. Oktober 2006 23:01 Weiter lesen →

Virus geht eigene Wege

Ein kleines Virus ist offenbar nicht der treue Geselle, für den es lange Zeit gehalten wurde. Das haben eine amerikanische Forscherin und ihre Kollegen entdeckt. Der Stammbaum des normalerweise harmlosen Virus passt demnach nicht zur Ausbreitung der Menschheit über die Kontinente.

„Die menschlichen Populationen mit der größten genetischen Vielfalt finden sich in Afrika“, erklärt Laura Shackelton von der Pennsylvania State University. „Aber im Falle dieses Virus scheinen Stämme aus Europa die größte Vielfalt aufzuweisen.“ Dieses Resultat sei umso bedeutender, als das Virus gewissermaßen als Fahrtenschreiber für die Entwicklung und die Wanderungen des Homo sapiens genutzt worden sei.

Schätzungsweise 70 bis 90 Prozent aller Menschen tragen das JC-Virus (JCV) in sich. Das kleine Virus bereitet gesunden Menschen für gewöhnlich keine Probleme und wird vermutlich von den Eltern auf ihre Kinder übertragen. Shackelton und ihre Kollegen analysierten nun das Erbgut von 333 JCV-Isolaten, um daraus einen Stammbaum zu berechnen. Diesen verglichen sie mit einem Stammbaum, der aus der menschlichen Mitochondrien-DNA abgeleitet worden war.

Wie die Gruppe im „Journal of Virology“ berichtet, passen die beiden Stammbäume nicht zueinander. Beispielsweise tritt in Europa ein Virustyp auf, der sonst nur in Japan und Korea vorkommt. Und während die Zahl der Menschen seit etwa 50.000 Jahren rasch wächst, scheint eine ähnliche Entwicklung bei den Viren erst vor einigen Hundert Jahren eingesetzt zu haben. Laut Shackelton sind beide Resultate nicht vereinbar mit der Annahme, das Virus sei ein enger Begleiter des Menschen, seit dieser seine afrikanische Wiege verlassen habe.

Forschung: Laura A. Shackelton und Edward C. Holmes, Center for Infectious Disease Dynamics, Department of Biology, Pennsylvania State University

Veröffentlichung Journal of Virology, Vol. 80(20), pp 9928-33, DOI 10.1128/JVI.00441-06

WWW:
Center for Infectious Disease Dynamics, Penn State
Polyomaviren

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
„Virus-Lupe“ für Pumas
Streit um älteste „Fußabdrücke“ Nordamerikas
Fahrtenschreiber im menschlichen Genom

Posted in: Anthropologie, Genetik
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (noch unbewertet)
Loading...

Drucken Drucken


Die Kommentare sind geschlossen.