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Mimik verrät Familien

Montag, 16. Oktober 2006, 23:01 • Rubrik Anthropologie, Psychologie.

Eine enge Verwandtschaft lässt sich nicht nur an den Konturen des Gesichts ablesen, sondern auch an dessen Bewegungen. Für diese Vermutung spricht eine Untersuchung israelischer Forscher. Von Geburt an blinde Personen zeigen demnach eine ähnliche Mimik wie ihre sehenden Familienangehörigen.

Fotos: Je zwei Personen, die auf ähnliche Weise den Kopf schieflegen und den Mund zu einer Seite verziehen bzw. die Lippen aufeinander pressen und die Zunge hindurchstecken

Blinde Personen (links) verziehen das Gesicht häufig auf ähnliche Weise wie ihre sehenden Verwandten (rechts). Bild: Copyright PNAS

Bereits Charles Darwin habe angemerkt, dass blinde Menschen über eine ebenso vielfältige Mimik wie Sehende verfügten, schreiben die Biologen und Informatiker um Eviatar Nevo von der Universität Haifa im Fachblatt “Proceedings of the National Academy of Sciences”. Die neuen Resultate zeigten, dass das Spiel der Gesichtsmuskulatur sehr viel stärker genetisch verankert sei als bislang angenommen.

Nevo und Kollegen führten Interviews mit 21 von Geburt an blinden Personen und 30 sehenden Verwandten. Von Videokameras überwacht, erinnerten sich diese an traurig, wütend oder fröhlich stimmende Erlebnisse, lauschten einer Ekel erregenden Geschichte oder lösten ein kompliziertes Rätsel und wurden plötzlich in Kauderwelsch angesprochen. Bei der Durchsicht der Videoaufnahmen registrierten die Forscher jede noch so feine Regung der Gesichtsmuskulatur und ordneten sie einer von 43 Kategorien zu.

Der Vergleich der Daten ergab, dass Angehörige der gleichen Familie – unabhängig von ihrer Sehkraft – bestimmte Bewegungen besonders häufig oder selten zeigten. Besonders ausgeprägt war diese familiäre Prägung bei Zorn, Überraschung und Ekel: Ein entsprechend trainiertes Computerprogramm erzielte Trefferquoten von bis zu 80 Prozent, wenn es darum ging, die blinden Teilnehmer anhand der Mimik in diesen Gefühlszuständen ihren Familien zuzuordnen. Mit höchstens 60 Prozent weniger gut war die Treffsicherheit bei Freude, Trauer und konzentriertem Nachdenken.

Die blinden Teilnehmer hätten ihre Verwandten niemals mit den Fingern abgetastet, um deren Mimik zu erkunden und nachzuahmen, betonen Nevo und Kollegen. “Tatsächlich betrachten sie diesen ‘Hollywood’-Mythos als sehr unhöfliches Verhalten”, schreiben die Forscher. Für das Vorliegen einer starken erblichen Komponente spreche auch der Fall einer Mutter, die ihren blinden Sohn kurz nach der Geburt weggegeben und erst im Alter von 18 Jahren wiedergesehen habe. Beider Mimik habe eine unverwechselbare familiäre Signatur aufgewiesen.

Forschung: Gili Peleg und Eviatar Nevo, Institute of Evolution, University of Haifa; Gadi Katzir, Department of Biology, Oranim-University of Haifa, Tivon; und andere

Veröffentlichung PNAS, Vol. 103(43), pp 15921-6, DOI 10.1073/pnas.0607551103

WWW:
Institute of Evolution, University of Haifa
Non-verbale Kommunikation
Mimics – Anatomy Based Facial Mimics
The Noh Mask Effect

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