Kräftiger Puls im Faulgas-Schlaf
9. Oktober 2006 09:05
Schwefelwasserstoff riecht nicht nur nach faulen Eiern, er ist auch hochgiftig. In geringer Konzentration hat das Gas jedoch erstaunliche Effekte auf den Körper, berichten amerikanische Anästhesisten auf einer Fachtagung. Bei Mäusen löst es eine Art Winterschlaf aus, ohne den Blutdruck zu senken.
Diese Kombination von Effekten mache das Gas interessant für die Behandlung schwerstkranker Patienten, erläutert Fumito Ichinose vom Massachusetts General Hospital in Boston. Bei solchen Patienten sei es wünschenswert, die Stoffwechselrate zu reduzieren, nicht jedoch die Herz-Kreislauf-Funktion, sodass sämtliche Organe weiterhin mit einem Mindestmaß an Sauerstoff und Nährstoffen versorgt würden.
Erst vor einem Jahr hatte eine andere Forschergruppe berichtet, dass Mäuse in einen winterschlafähnlichen Zustand fallen, wenn sie Luft mit 80 ppm Schwefelwasserstoff atmen, und beim Atmen von normaler Luft problemlos wieder erwachen. Ichinose und Kollegen wiederholten diese Experimente und verfolgten mit implantierten Sensoren, wie sich die Körperfunktionen der Tiere änderten.
Neben Atemfrequenz und Körpertemperatur fiel demnach auch die Pulsfrequenz stark ab, nämlich von 500 auf 200 Schläge pro Minute. Des ungeachtet veränderten sich der mittlere arterielle Blutdruck und das mit jedem Herzschlag in den Kreislauf gepumpte Blutvolumen nicht, fanden die Forscher. Mehr noch: Erhöhten sie die Umgebungstemperatur von 27 auf 35 Grad Celsius, stieg der Blutdruck der Mäuse im Schwefelwasserstoff-Winterschlaf sogar an.
“Das Absenken der Körpertemperatur ist momentan der einzige bewährte Weg, um die Stoffwechselrate zu senken und den Körper zu schützen, wenn die Blutversorgung der Organe gestört oder absichtlich eingeschränkt wird, beispielsweise bei komplizierten Herzoperationen”, so Ichinose weiter. Die Prozedur bringe allerdings Risiken wie eine reduzierte Herz-Kreislauf-Funktion und ein erhöhtes Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln mit sich. Vielleicht könne die Aufklärung der Schwefelwasserstoff-Wirkung einen Weg aus diesem Dilemma weisen.
Forschung: Gian Paolo Volpato, Fumito Ichinose und Warren M. Zapol, Department of Anesthesia and Critical Care, Massachusetts General Hospital, Boston; und andere
Präsentation auf der Konferenz Comparative Physiology 2006: Integrating Diversity, Virginia Beach, #8.15
WWW:
Anesthesia and Critical Care, Massachusetts General Hospital
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