Antidepressivum macht Muscheln zu schaffen
Dienstag, 12. September 2006, 11:46 • Rubrik Biologie, Klima, Umwelt.
Antidepressiva in Flüssen stellen ein ernstes ökologisches Problem dar. Entsprechende Resultate präsentiert eine amerikanische Toxikologin auf einer Fachtagung in San Francisco. Der mit dem Abwasser in die Umwelt gelangende Wirkstoff Fluoxetin stört demnach die Fortpflanzung ohnehin bedrohter Süßwassermuscheln.

Fluoxetin löst bei Flussmuscheln die vorzeitige Larven-Freisetzung aus. Foto: Courtesy of the U.S. Fish & Wildlife Service
Als Reaktion auf geringste Konzentrationen des Wirkstoffs entlassen weibliche Muscheln ihre Larven in das Wasser, hat Rebecca Heltsley am Hollings Marine Laboratory entdeckt. “Die Resultate sind alarmierend”, erklärt die Forscherin. “Wenn die Larven zu früh freigesetzt werden, sind sie nicht lebensfähig, und das verschlimmert das Problem der schwindenden Bestände einheimischer Süßwassermuscheln zusätzlich.”
Viele Medikamente, Drogen und Reinigungsmittel überstehen die Abwasserbehandlung in Kläranlagen. Dementsprechend finden sich zumindest Spuren der Wirkstoffe in Flüssen und Seen. Heltsley und ihre Kollegen untersuchten nun, ob Fluoxetin Süßwassermuscheln beeinflusst. Der Wirkstoff von häufig verschriebenen Antidepressiva, beispielsweise “Prozac”, bremst die Wiederaufnahme des Botenstoffs Serotonin in Nervenzellen und verlängert so dessen Signalwirkung.
Die Forscherin gab Fluoxetin in Konzentrationen von 0,3 bis 3.000 Mikrogramm pro Liter in Becken mit Muscheln – Konzentrationen, wie sie auch in Flüssen und Seen gemessen worden sind. Binnen 48 Stunden setzten die Tiere ihre Larven frei, obgleich diese noch nicht ausgereift waren. Den gleichen Effekt hatte die Zugabe von Serotonin zu dem Wasser.
Süßwassermuscheln erfüllen wichtige ökologische Funktionen als Nahrung und als Filtrierer, die große Wasservolumina von Schwebstoffen, Krankheitserregern und Nährstoffen reinigen. Von einstmals knapp 300 in Nordamerika heimischen Arten seien inzwischen jedoch 70 Prozent ausgestorben, so Heltsley. Zu den Ursachen gehörten eingeschleppte Konkurrenten, eine stark erhöhten Sedimentfracht und Schadstoffe. Fluoxetin und andere pharmazeutische Wirkstoffe im Wasser dürften jedoch ebenfalls zu dem Rückgang beitragen, ist die Forscherin überzeugt.
Forschung: Rebecca Heltsley, National Institute of Standards and Technology, Hollings Marine Laboratory, Charleston, South Carolina; W. Gregory Cope, Department of Toxicology, North Carolina State University, Raleigh; und andere; Präsentation auf dem 232nd National Meeting der American Chemical Society, San Francisco; #ENVR 215
WWW:
Hollings Marine Laboratory
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