Rasantes Aufrüsten bei Miesmuscheln
Donnerstag, 10. August 2006, 20:05 • Rubrik Biologie.
Manchmal wird das Wirken der Evolution sehr rasch sichtbar. Ein neues Beispiel dafür präsentieren zwei amerikanische Biologen im Magazin “Science”. Die Miesmuscheln vor der Küste Neuenglands haben binnen 15 Jahren gelernt, auf die Einwanderung einer gefräßigen Krabbe mit der Bildung besonders dicker Schalen zu reagieren.

Dieser Fressfeind lässt die Miesmuschel aufrüsten. Foto: Aaren Freeman
Derart rasante evolutionäre Reaktionen auf Fressfeinde habe man bislang nur von Wirbeltieren gekannt, erklärt Aaren Freeman von der University of New Hampshire. Die neuen Resultate seien umso bemerkenswerter, als die Miesmuschel, die “Laborratte” der Meeresbiologie, gemeinhin als eher schlichtes Wesen gelte.
Freeman und sein Doktorvater James Byers sammelten junge Miesmuscheln (Mytilus edulis) und zogen diese in Laborbecken oder in Metallkäfigen im Meer groß. Ein Teil der Tiere war dabei dem “Geruch” der Gemeinen Strandkrabbe (Carcinus maenas) bzw. einer asiatischen Verwandten (Hemigrapsus sanguineus) ausgesetzt. Erstere war vor fast 200 Jahren von Europa nach Nordamerika gelangt und findet sich heute vor der gesamten Küste der Neuenglandstaaten. Letztere ist Ende der 80er-Jahre aus Asien eingeschleppt worden und erst vor etwa 15 Jahren im Süden der Region aufgetaucht. Den Norden hat sie noch nicht besiedelt.
Stammten die Muscheln aus dem Süden der Region, reagierten sie auf beide Krabbenarten mit einer merklichen Verdickung ihrer Schalen, berichten Freeman und Byers. Muscheln aus dem Norden der Region reagierten dagegen nur auf den Einwanderer aus Europa. Die Forscher schließen daraus, dass die Muscheln im Norden und Süden genetisch relativ strikt voneinander isoliert sind, und dass letztere bereits die Fähigkeit entwickelt haben, auch den neuen Fressfeind zu erkennen.
Laut Byers könnten die Resultate durchaus praktische Anwendung finden. Wenn man die Muschelbestände im Norden der Region heute mit Artgenossen aus dem Süden “aufrüste”, wären sie auf eine weitere Ausbreitung der asiatischen Krabbe vorbereitet. Aus Sicht der Evolution seien 15 Jahre ein Lidschlag. “Für einen Muschelfischer können sie jedoch eine schmerzlich lange Zeit sein.”
Forschung: Aaren S. Freeman und James E. Byers, Zoology Department, University of New Hampshire, Durham; Veröffentlichung in “Science”, Vol. 313, 11. August 2006, pp 831-3, DOI 10.1126/science.1125485
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Carcinus maenas
Hemigrapsus sanguineus
Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Eisen macht Muscheln anhänglich
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