Große Mäßigung in der Tiefsee
Dienstag, 11. Juli 2006, 11:55 • Rubrik Biologie.
Der Boden der Tiefsee wirkt auf seine Bewohner wie eine Insel. Amerikanische Biologen haben ermittelt, dass kleine Zuwanderer im Laufe der Zeit größer werden, große Kolonisten dagegen kleiner. Ursache könnte das bescheidene Nahrungsangebot fernab des Sonnenlichts sein.
Möglicherweise dränge diese Knappheit kleine Organismen zu mehr Beweglichkeit auf der Nahrungssuche, große dagegen zu mehr Bescheidenheit, vermutet Craig McClain von der University of New Mexico. Der Forscher, mittlerweile am kalifornischen Monterey Bay Aquarium Research Institute, und seine Kollegen präsentieren ihre Resultate im “Journal of Biogeography”.
Einen ähnlichen Effekt kennen Biologen seit langem von Inseln und ihren vom Festland zugewanderten Bewohnern. So war erst kürzlich eine Dinosaurierart entdeckt worden, die auf kreidezeitlichen Inseln einen regelrechten Zwergwuchs entwickelt hatte. Auch am Grund der Tiefsee leben zahlreiche “Ausreißer”, beispielsweise ellenlange Verwandte der Kellerassel.
Um mehr über die Ursachen des Phänomens in der Tiefsee zu erfahren, durchforsteten McClain und seine Kollegen eine umfassende Weichtier-Datenbank nach Schneckengattungen, die sowohl oberhalb als auch unterhalb von 200 Metern Wassertiefe vertreten sind.
Während frühere Studien ein widersprüchliches Bild gezeichnet hatten, lieferten mehrere statistische Verfahren nun den gleichen Befund: Solche Schnecken, die am Kontinentalschelf höchstens 12 Millimeter groß werden, haben oft vergleichsweise große Verwandte in der Tiefsee. Bei mehr als 20 Millimeter großen Schnecken kehrt sich der Trend dagegen um – sie besitzen meist kleinere Verwandte in der Tiefsee.
“Diese Schnecken scheinen sich hin zu einer bestimmten Größe zu entwickeln, die einen Kompromiss zwischen verschiedenen Selektionszwängen darstellt”, erklärt McClain. Gegenüber “klassischen” Inseln dürften die Größe des Lebensraums sowie Fressfeinde und Konkurrenten in der Tiefsee jedoch kaum eine Rolle spielen. Damit bleibe die Nahrungsknappheit als vermutlicher Hauptfaktor. Um ihre Hypothese zu testen, wollen die Forscher nun ähnliche Untersuchungen an Muscheln und Kopffüßern durchführen.
Forschung: Craig R. McClain und Alison G. Boyer, Department of Biology, University of New Mexico, Albuquerque; Gary Rosenberg, Department of Malacology, Academy of Natural Sciences, Philadelphia, Pennsylvania; Veröffentlichung im “Journal of Biogeography”, DOI 10.1111/j.1365-2699.2006.01545.x; Präsentation auf dem 11th International Deep-Sea Biology Symposium, Southampton
WWW:
Monterey Bay Aquarium Research Institute
- Deep-Sea Gastropods
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