Mentaler Tunnelblick durch Alkohol
3. Juli 2006 12:01
Ein zwei Meter großer Gorilla wird leichter übersehen als gemeinhin für möglich gehalten. Besonders gut gelingt dies leicht alkoholisierten Personen, hat eine amerikanische Psychologin ermittelt. Konzentrierten sich ihre Versuchsteilnehmer unter Alkoholeinfluss auf ein Ballspiel, entging ihnen der Auftritt eines Gorillas sehr viel häufiger als nüchternen Probanden.
Nach Ansicht von Seema Clifasefi von der University of Washington könnte dieser Effekt die Fahrtüchtigkeit erheblich einschränken, noch bevor die Promillegrenze erreicht wird. Fahrer müssten gleichzeitig Informationen wahrnehmen und verarbeiten, die aus verschiedenen Quellen stammten. “Alkohol reduziert jedoch diese Multitasking-Fähigkeit. Daher konzentriert man sich auf nur eine - auf Kosten aller anderen.”
Seema und ihre Kolleginnen führten ihre Versuche mit 46 Personen im Alter von 21 bis 35 Jahren. In einer bar-ähnlichen Umgebung servierten sie den Probanden alkoholische Getränke, die deren Blutalkoholspiegel auf 0,4 Promille brachten, oder aber alkoholfreie Getränke. Dann zeigten sie ihnen einen kurzen Film von Menschen, die sich einen Ball zuwarfen, und baten sie, die Ballkontakte zu zählen.
Etwa in der Mitte des Films tauchte eine Person in einem Gorillakostüm auf, marschierte zwischen die Spieler, trommelte sich auf die Brust und ging wieder aus dem Bild. Zum Ende des Experiments gaben lediglich 18 Prozent der alkoholisierten Probanden an, den Gorilla bemerkt zu haben. Und auch von den nüchternen Teilnehmern hatten nur 46 Prozent den ungewöhnlichen Auftritt bemerkt, berichten die Forscherinnen im Fachblatt “Applied Cognitive Psychology”.
Erstaunlicherweise sank die Erkennungsrate selbst dann, wenn die Probanden nur vermeintlich alkoholhaltige Getränke erhalten hatten. Laut Clifasefi und Kolleginnen haben ihre Befunde “praktische Konsequenzen für Fragen der menschlichen Fähigkeiten, etwa im Straßenverkehr oder als Augenzeugen”.
Forschung: Seema L. Clifasefi und Jonah S. Bergman, Department of Psychology, University of Washington, Seattle; Melanie K.T. Takarangi, School of Psychology, Victoria University of Wellington; Veröffentlichung in “Applied Cognitive Psychology”, Vol. 20(5), pp 697-704, DOI 10.1002/acp.1222
WWW:
Department of Psychology, University of Washington
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