Posted in: Biologie 21. Juni 2006 19:05 Weiter lesen →

Orchidee begattet sich selbst

In Ermangelung von Wind oder Insekten können viele Pflanzen für Nachwuchs sorgen, indem sie sich selbst bestäuben. Auf die Spitze getrieben hat diese Technik eine asiatische Orchidee, berichten chinesische Forscher im Magazin „Nature“. Die Blüten von Holcoglossum amesianum haben eine Methode der Selbstbestäubung entwickelt, die man getrost als Geschlechtsverkehr mit sich selbst beschreiben könnte.

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Fotos: Nature / Laiqiang Huang, Tsinghua University Graduate School at Shenzhen

Video der „Selbstbegattung“

Bei dem Manöver streckt sich das männliche Staubblatt nach vorne und krümmt sich dann um eine Art Schirm herum, der bei anderen Orchideen die Selbstbestäubung verhindert, berichten Laiqiang Huang von der Tsinghua University in Shenzhen und seine Kollegen. In der Hälfte der Fälle landet der Pollen so zielgenau auf der Narbe, der „Annahmestelle“ der weiblichen Blütenorgane.

Misslingt der Trick, bildet die Pflanze auch keine Samen, fanden die Forscher bei ihren Untersuchungen in der Provinz Yunnan im Süden Chinas. Dort wächst die Orchidee in Bergwäldern auf Baumstämmen und blüht ausgerechnet in den trockenen, windstillen und praktisch insektenfreien Monaten Februar bis April. Unter diesen Umständen „muss die Notwendigkeit, den Reproduktionserfolg zu gewährleisten, die potenziellen negativen Effekte der Inzucht aufwiegen“, schreiben Huang und Kollegen.

Das sinnliche Manöver beginnt, indem eine Kappe von dem Staubblatt abfällt und die Pollenpakete an dessen Spitze preisgibt. Eng an den weiblichen Griffel geschmiegt, hebt sich der Stiel des Staubblatts nun leicht und streckt sich nach vorne. Dann krümmt er sich nach unten, um das von einer sterilen Narbe gebildete Rostellum herum, und schließlich wieder nach oben, in die von dem Schirmchen überspannte Kammer mit den fruchtbaren Narben.

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Grafik: Nature / Laiqiang Huang, Tsinghua University Graduate School at Shenzhen

„Dieser neuartige Paarungsmechanismus beruht ausschließlich auf aktiven Blütenbewegungen gegen die Schwerkraft“, begeistern sich die Forscher. „Über einen Zeitraum von mehr als 60 Tagen sahen wir niemals, wie eine Blüte von einem Insekt besucht oder die Staubblatt-Bewegung vom Wind unterstützt wurde.“

Forschung: Ke-Wei Liu und Laiqiang Huang, Center for Biotechnology and Biomedicine, Graduate School at Shenzhen, Tsinghua University, und School of Life Sciences, University of Science & Technology of China, Hefei; und andere

Veröffentlichung in „Nature“, Vol. 441, 22. Juni 2006, pp 945-6, DOI 10.1038/441945a

WWW:
Graduate School at Shenzhen, Tsinghua University
Holcoglossum amesianum
Blüten
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